Über die AutorinAktuellesGood on ya, Lisa!RichterReiseberichteRezensionenLinks

The Tree of Life


USA 2011
Regie: Terrence Malick
Darsteller: Jessica Chastain, Brad Pitt, Sean Penn, Fiona Shaw, Hunter McCracken


Als das Bild schließlich schwarz wurde und der Abspann begann, sich über die Kinoleinwand zu schieben, konnte man bemerken wie fast zeitgleich das gesamte Publikum von seinen Sesseln aufsprang und geradezu fluchtartig den Saal verließ. „Furchtbar!“, ertönten erste Reaktionen noch vor den Türen. „…aber die Bilder waren schön“, überlegten sanfter gestimmte Gemüter im Foyer. Die ersten hatten den Film bereits vor zwei Stunden verlassen.

Ja, vor zwei Stunden, denn die erste Filmarbeit des texanischen Regisseurs Terrence Malick seit sechs Jahren umspannt das epische Ausmaß von 138 Minuten, was, zugegeben, nicht gerade dazu beiträgt, „The Tree of Life“ zu leichtem und kurzweiligem Kino zu machen: Dieser Film ist anstrengend und fordert höchste Konzentration seitens des Zuschauers ein! Doch es ist nicht nur die Dauer des Films, die dahin drängt, diesen unter der Decke des Begriffs Epos unterzubringen.

Oberflächlich betrachtet behandelt der Film das Leben und den Alltag einer ganz normalen amerikanischen Familie im Vorstadtidyll der fünfziger Jahre. Von der Geburt des ältesten Sohnes an wird die gesamte Kindheit dreier Brüder dargestellt, die in einem Spannungsverhältnis zwischen der sanften, naturverbundenen Mutter und dem idealistischen, aber autoritären Vater aufwachsen. Besonders Jack, der Älteste, leidet unter der Strenge seines Vaters und bemerkt früh seine Widersprüchlichkeit, in der dieser hohe Ideale predigt, nach denen er selbst nicht, sowie seine versteckte Ernüchterung über ein Leben als Musiker, welches er einst aufgab, um geschäftlich erfolgreich und wohlhabend zu werden. Erst als der Vater auf Geschäftsreise geht, bricht das Leben im Hause O‘Brien aus. Jack betrachtet seinen Vater als Feind, wünscht sich zeitweise sogar seinen Tod, erkennt aber auch seine Verbundenheit zu ihm. „Ich bin dir ähnlicher als die anderen“, vertraut er ihm einmal an. Es verwundert nicht, dass der Sohn mit wachsendem Alter beginnt, gegen die Zwiespältigkeit seines Elternhauses zu rebellieren, um seinen eigenen Weg zu finden.

Der erwachsene Jack erinnert sich an all dies und es wird insbesondere deutlich, dass dieser nie über den frühen Tod seines Bruders hinweggekommen ist, dessen Tod den Ausgangspunkt von „The Tree of Life“ darstellt. Surreale Aufnahmen und ungewöhnliche Perspektiven zeigen den von seiner Vergangenheit verfolgten Mann in der Kühle und Sterilität der modernen Geschäftswelt, bei Streifzügen durch menschenleere Felslandschaften, die wie eine Jenseitsvision anmuten.

Bereits hier zeigt sich, wie der Film ein hohes Abstraktionsniveau etabliert; Malicks Vorgehensweise ist deduktiv: Er überträgt das Schicksal dieser einzelnen Familie der O’Briens auf die Entstehungsgeschichte des Lebens und der Welt, ist dabei sinnsuchend und andächtig. Möglicherweise zu religiös. Denn das Einblenden von teilweise überwältigenden Aufnahmen von Landschaften und dem Universum gleichen einem Streifzug auf der Suche nach Gott. Der Erfolg dieser Suche ist nicht zuletzt vom Zuschauer abhängig: Wer religiös ist, wird ihn überall finden. Atheisten hören die flüsternden, hoffnungsvollen Gebete der Mutter im Nichts widerhallen. Geradezu offensichtlich ist allerdings, dass hier die Natur vergöttlicht wird – „The Tree of Life“, der übrigens für den Baum als Sinnbild des Lebens steht, der zu Beginn des Films von den O’Briens gepflanzt wird, hat etwas sehr pantheistisches.

Insgesamt lässt sich über Terrence Malicks umstrittenen Film vieles sagen – „furchtbar“ ist er nicht. Dafür ist die Bildflut zu gewaltig, das Porträt des Verhältnisses zwischen dem ältesten Sohn Jack, seiner Mutter, seinem Vater und den zwei Brüder zu präzise. Die Dauer des Filmes mag dem abstrakten Thema angemessen sein, jedoch ist der Film zuweilen, und besonders zu Beginn, von einer kaum zu ertragenden Langatmigkeit, deren Kürzung seiner Rezeption möglicherweise gut getan hätte. Zuweilen droht der Film, im Kitsch zu versinken. Auch die vielen religiösen Anspielungen können auf Teile des Publikums zuweilen sehr erdrückend wirken. Eine ethische Universalität hätte hier erfrischend gewirkt und deutlich zur Leichtigkeit des Films beigetragen. „The Tree of Life“ ist ein Film den man gesehen haben sollte, weil er ungewöhnlich ist – jedoch keiner den man ein zweites Mal anschaut.