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Quartett

„Das Altern ist nichts für Weichlinge“, weiß eine ehemalige etwas konfuse und schrullige Opernsängerin mit hochgestecktem Lockenkopf. Und wer sollte es besser wissen als sie, denn ihr Name ist ja Cissy. Tatsächlich erscheint das Altern gerade für ihre Zunft, gefeierte Musiker, eine schwierige Angelegenheit darzustellen: Die Stimme wird weniger leistungsfähig, man wird weniger gefragt und irgendwann ziehen auch die Großen der Musik in ein Altersheim. Glücklich jedoch, wer in das Beecham House für Musiker im Ruhestand einziehen darf, einem englischen Landhaus, das sich über Spenden und eigene Konzerte finanziert und in dem die Senioren sich über Klavierunterricht und Vorträge für Jugendliche weiterhin engagieren. Hier lebt Cissy mit ihren Freunden, dem nachdenklichen Reggie und dem schalkhaften Wilf, mit denen sie ihren größten Erfolg, ihr legendäres Quartett aus Guiseppe Verdis Rigoletto, teilt.

Als der Geburtstag des großen Komponisten ansteht, zu dem die Bewohner des Beecham House traditionell eine Benefizgala veranstalten, kündigt sich ein Neuzugang an: Es ist die divenhafte Jean Horton, gespielt von Maggie Smith, dereinst ein Star der Oper und die vierte Stimme, die Gilda aus Rigoletto, der jedoch einst unter dem Druck des Alters und der ins Immense gesteigerten Erwartungen der Kritik das Singen aufgegeben hat. Wie sehr würde es sich da anbieten, die Spenden an das Heim, das in finanzieller Notlage steht, durch die Wiedervereinigung des legendären Quartetts auf der Gala zu sichern! Doch Jean weigert sich standhaft zu singen und auch Reggie hat zunächst seine Vorbehalte, denn ihn verbindet mit der Diva ein Zwist, der noch in ihre glorreichen Zeiten als gefeierte Operngrößen zurückreicht…

Schaut man allein auf die Handlung, so ist „Quartett“ gnadenlos vorhersehbar und wenig originell. Eine Gruppe von Menschen, die eine gemeinsame Leidenschaft, ein gemeinsames Ziel verbindet, ein Wettbewerb oder eine Aufführung und eine einzige Hauptfigur, die sich mit den Dämonen ihrer Selbstzweifel herumplagen muss, bevor sie am Ende dennoch zu der Gruppe stößt und sich gar als ihr größtes Talent herausstellt. Egal ob es um das Debattieren, um Tänzer, Sänger, Musiker geht, um ein Fußballteam oder um eine Theatergruppe – solche Handlungsstränge kennt man spätestens seit „Sister Act“ und dem „Club der toten Dichter“.

Dennoch verzeiht man dem Film dergleichen mit Vergnügen; er ist eben genauso so wie die Bewohner von Beecham House: Sie erheben keinen Anspruch mehr auf Perfektion, wollen aus den kleinsten Tönen nicht mehr die größten Gefühle holen, sondern singen allein des Spaßes und der Schönheit der Musik wegen. Und das merkt man ihnen an – und ebenso dem Film. Schließlich bereitet es eine große Freude, den wunderbaren Schauspielern zuzusehen – allen voran Pauline Collins als entzückend schusselige Cissy Robson und Billy Connolly als in die Jahre gekommener selbstironischer Charmeur Wilfred Bond und natürlich Maggie Smith und Tom Courtenay, wie sie ihre schwierige Beziehung und die Problematik der alternden Künstler darstellen. Es ist zudem kein Wunder, dass Dustin Hoffman trotz Regiedebüt in einer über fünfzigjährigen Schauspielerkarriere ein exzellentes Gefühl für schrullige Charaktere, gute Einstellungen und wunderschöne Bildkompositionen entwickelt hat, zu deren Kulisse vorliegend das stattliche Hedsor House in Buckinghamshire diente. Kaum muss auch erwähnt werden, dass Freunde klassischer oder Jazzmusik an den Proben und der Spielfreude der so würdevollen gealterten Musiker ihre Freude haben werden, die der ehemalige Pianostudent Hoffman geschickt in die Handlung geflochten hat. Die wirklichen Stars des Films ist jedoch die Einwohnerschaft des Beecham House in ihrer Gesamtheit; schließlich wurden die Rollen mit echten Grandes Dames und Grandseigneurs der englischen Musikwelt besetzt, die man im Abspann in Schwarzweißfotographien in den Kostümen ihrer Paraderollen bewundern kann und die den gesamten Film mit ihrer wunderbaren Musik erfüllen, welche ihnen eine hoffnungsvolle Alterlosigkeit verleiht.

„Quartett“ – ein Komödiendrama über das Altern, die Musik, die Exzentrizität der Künstler und die Freundschaft, der durch seinen feinen Humor, seine Warmherzigkeit und Atmosphäre glänzt und letztlich eine wunderbare Umsetzung des Dramas von Ronald Harwood darstellt.