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Melancholia


Frankreich/Schweden/Dänemark/Deutschland 2011
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, John Hurt, Stellan Skarsgard, Charlotte Rampling

Eine weiße Limousine versucht in eine mit Stein umrahmte Kurve zu biegen, fährt vor und zurück, verklemmt sich. Auf dem Rücksitz thront eine junge Braut, amüsiert sich fürchterlich, schmiegt sich an ihren Bräutigam, versucht eifrig zum Fahrer zu sprechen, steigt dann schließlich aus, setzt sich in ihrem weißen Kleid ans Steuer und kichert verzückt, als sie beim Schneiden der Kurve beinahe ihren Gatten überrollt.

Dieser recht heitere Anfang von Lars von Triers neuem Drama „Melancholia“ stellt einen wahren Kontrast zu seiner eigentlichen Motivik dar. Angekommen nämlich auf dem gediegenen Landsitz ihrer Schwester Claire, findet die manisch-depressive Justine sich in einem Meer aus hohlen Phrasen und sinnlosen Förmlichkeiten wieder und muss der indifferenten Mutter, dem liederlichen Vater, dem aufdringlichen Chef und dem Erwartungsdruck der Schwester und ihres reichen Mannes, den Organisatoren des prächtigen Festes, gleichermaßen nachkommen. So irrt die junge Frau, getrieben von Momenten des Überschwungs und der Schwermut ziellos durchs Haus und durch den nächtlichen Park, nimmt Bäder, fehlt beim Anschneiden der Torte und scheint grundlos die Enttäuschung ihrer Schwester und ihres Bräutigams auf sich zu ziehen. Etwas scheint in ihr vorzugehen, über das der Zuschauer jedoch zunächst im Unklaren gelassen wird.

Der zweite Teil des Films zieht einen harten Schnitt unter Justines Hochzeit und setzt stattdessen ihre Schwester Claire in den Mittelpunkt der Betrachtung und mit dem Perspektivenwechsel scheinen auch die Schwestern ihre Rollen zu tauschen. Als ein riesiger Komet sich der Erde nähert und die Tage nach der Hochzeit überschattet, verstrickt Claire sich in tiefgreifende Ängste vor Tod und Apokalypse, wird unruhig und nervös, ihre Schwester hingegen wirkt in ihrer Zurückgezogenheit überraschend klar und stark. Während Claires Mann der Ankunft des Kometen in der Erdumlaufbahn mit Teleskop und fröhlicher Gelassenheit entgegen zu blicken scheint, hat Justine düstere Vorahnungen…

Mehr als ein Film über den Weltuntergang, normalerweise ausrichtungsmäßig oft monumental überzogen, ist „Melancholia“ vor allem zum Psychogramm zweier Frauen geworden, das zeigt, wie die Grenzen der Gegensätze Schwermut und Todesfurcht, Ruhelosigkeit und Gefasstheit verschwimmen und das Wechselspiel dieser untersucht. Gerade Kirsten Dunst gelingt es, die facettenreiche Psyche ihrer Figur sensibel zu portraitieren. Weitwinkeleinstellungen der grauen Landschaft werden untermalt von Passagen aus Wagners „Tristan und Isolde“, die wie dunkle Seufzer klingen. Auch qualvoll lang gezerrte Zeitlupenaufnahmen in künstlerischer Einstellung und Lichteinstrahlung tragen viel zur düsteren Dramatik bei.

Bei der genaueren Betrachtung des Films lohnt es sich, diesen in seinen zwei Teilen zu sehen, die jeweils sehr individuell wirken. „Justine“ besticht durch subtilen Witz, volle Atmosphäre und Charakterfülle, während „Claire“ sich fast gänzlich auf die Charakterbeobachtung beschränkt, was trotz einer feinfühligen Darstellung von Charlotte Gainsbourg gerade das Ende des Films sehr in die Langatmigkeit zieht. Die Lässigkeit des ersten Teils hätte auch hier trotz oder gerade wegen der Thematik der Angst und Schwermut, dem Film zu mehr Profil verholfen. Die letzte Einstellung passt leider kaum zur Subtilität der vorangegangen 130 Minuten. Das Fehlen dieser hätte ein offenes Ende durchaus gerechtfertigt. Dass „Claire“ jedoch gegenüber „Justine“ abfällt, ändert nichts daran, dass Lars von Trier mit „Melancholia“ ein schöner, bildlich faszinierender Film gelungen ist, der letztendlich vor allem durch seine Charakterisierungen überzeugt.