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Die Eleganz der Madame Michel


(Originaltitel: Le Hérisson)
Frankreich 2010
Regie: Mona Achache
Darsteller: Josiane Balasko, Garance Le Guillermic, Togo Igawa

Was macht das Leben lebenswert? Wie kann man sich seine eigene kleine Oase im Alltag bauen? Um diese Fragen spinnt der Film „Die Eleganz der Madame Michel“ eine Geschichte rund um Freundschaft, Liebe, Andersartigkeit und jene kleinen Glücksmomente des Lebens, die dieses stimmungsvolle Drama ausmachen. „Die Eleganz der Madame Michel“, basierend auf Muriel Barberys Roman „Die Eleganz des Igels“, ist ein ruhiger, ein stiller Film, eben so wie auch seine Persönlichkeiten, und doch ist er von einem feinen, hintergründigen Witz durchzogen, der stets liebevoll die Eigenarten seiner Figuren unterstreicht. Denn Eigenarten besitzen sie viele. Und fühlen sich zugleich vom lauten Leben um sie herum ausgestoßen.

Renée Michel ist 54, Concierge in einem Pariser Wohnhaus und entspricht nach eigenen Angaben ihrem Berufsklischee vollkommen – menschenscheu und unauffällig, äußerlich „verwildert“ und barsch im Kontakt mit anderen Leuten ist sie wie ein Igel, der sich einrollt und der Außenwelt seine Stacheln präsentiert. In ihrem Inneren jedoch besitzt sie genau wie der Igel eine wundervolle Eleganz, welche sich im Laufe der Geschichte entfalten wird. Zurückgezogen in die Höhle ihrer kleinen, geheimen Bibliothek gibt sie sich dem Genuss der Literatur und der dunklen Schokolade hin.

Auch die 11-jährige Paloma sucht verzweifelt nach einem Ort des Rückzugs. Das Mädchen bewohnt mit seiner reichen Familie eines der Apartments im Wohnhaus; sie ist kreativ, hochintelligent – und selbstmordgefährdet. Verschreckt durch das eingesperrte Leben ihrer Eltern, einem Dasein im Goldfischglas, welches durchweg als Metapher für die Absurdität des Lebens und seinen Zwängen verwendet wird, beschließt Paloma tatsächlich, sich an ihrem 12. Geburtstag das Leben zu nehmen. Heimlich bedient sie sich täglich des Inhalts der Pillendose ihrer neurotischen Mutter. Als ihre letzte Mission jedoch betrachtet sie, einen Bericht mit der alten Videokamera ihres Vaters zu drehen: Akribisch filmt sie ihr Leben und die Menschen …

Ein neuer Mieter verändert das Leben beider: Bei ihrer ersten Begegnung mit Kakuro Ozu lässt Madame Michel, die heimlich eine Leidenschaft für Bücher besitzt, ein Zitat aus Tolstois „Anna Karenina“ fallen – und wird prompt durch zwei wertvolle, alte Ausgaben des Buches überrascht. Der Japaner scheint ihre Liebe zur Literatur zu teilen und sie nähern sich an. „Renée, wir können Freunde sein“, sagt er, „und alles, was wir wollen.“ Langsam und beharrlich gelingt es dem neuen Mieter, die ruppige Concierge aus ihrer Höhle zu locken und mit neuem Leben zu versehen. Auch die unverstandene Paloma findet in dem ruhigen Mann eine Person, mit der sie ihre Gedanken teilen und sich über die Welt unterhalten kann. Monsieur Ozu vermag es, Paloma zu verstehen und erkennt nicht zuletzt die Eleganz der Madame Michel.

Der Französin Mona Achache ist mit ihrem Regiedebüt eine wunderbare Literaturverfilmung gelungen, still, intelligent, metaphorisch und nicht zuletzt sehr französisch. Es handelt von Menschen, die sich in der hektischen, manchmal absurden Außenwelt nicht zurechtfinden und sich verstecken – hinter einem Buch oder einer Kamera – und entwirft zwei facettenreiche, klischeefreie Portraits. Vor Allem aber drängt der Film seine Zuschauer in der Interpretation und Reflexion nicht durch eine durchweg geschlossene Geschichte ein. Es gibt Andeutungen und offene Fragen zu Ende des Films, aber dennoch so viele, dass es interessant bleibt, über sie nachzudenken. Ist Monsieur Ozu besagter Regisseur und wie war es möglich, dass der Goldfisch überlebte?

Insgesamt ist „Die Eleganz der Madame Michel“ kein großer Film, doch aber ein kleiner großer und in seiner vermeintlichen Unscheinbarkeit harmoniert er in sich selbst. Warm und unaufdringlich und amüsant ist er eine kleine Hymne auf das Leben und vor Allem auf die Kraft der Freundschaft und der kleinen Freuden, die den grauen Alltag durchdringen und alles in Allem absolut sehenswert.