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Sichuans wilder Westen (China)


I - Traum


Irgendwo auf mehr als dreitausend Metern Höhe, geblendet vom Glanz der goldenen Gebirgssonne und gerahmt vom Gold des majestätischen vom Gipfel aufragenden Bodhisattva Samantabhadra auf einem Elefanten, mit zitternden Knien und bei klirrender Kälte fröstelnd vom eigenen der Erschöpfung geschuldeten Schweiß, murmelnder Widerhall buddhistischer Gebete von unsichtbaren Lautsprechern verstärkt in den Ohren und in Gesellschaft hunderter chinesischer Touristen in Stöckelschuhen, Pandakappen und Handtaschen, fängt man in fiebriger Verwirrung beinahe an, an eine Sendung zu glauben. Sendung in diesem Fall dem Wolkenmeer entgegen, das sich unter dem Gipfel des Emei Shan, einem der vier heiligen Berge des Buddhismus in China, gleich einem verkörperlichten Nirvana erstreckt und aus dem an einem der raren sonnigen Tage nur ab und an die Spitze eines schneebedeckten Siebentausenders gleich einer Haifischflosse auftaucht. Nicht jedoch in der Art, es jeglichen Gläubigen gleichzutun, die es seit dem sechsten Jahrhundert an diesen Ort verschlagen hat und die es aus religiöser Berückung in die weiße Reinheit dieser Tiefe zog – nein, die Berge in der Ferne haben es uns angetan, die Mächtigen, wir wollen ins Himalaya, wir wollen nach Tibet!

Eine Reise ohne Ziel – so war es von uns geplant worden und allein diese Tatsache, der Mangel eines Rückflugtickets, erlaubte uns die Freiheit, unserer ursprünglichen Bootsfahrt auf dem legendären Yangtzefluss aus spontaner Eingebung heraus den Rücken zuzukehren. Jede Reise in die westchinesische Provinz Sichuan beginnt jedoch in Chengdu, nicht nur der Hauptstadt der Region, sondern auch der inoffiziellen Hauptstadt der Pandabären und Teehäuser, letztlich auch eine weitere blühende Millionenstadt im Land der aufgehenden Sonne, die sich außerhalb Chinas keinerlei weiteren Bekanntheit erfreut, wohl auch, da erwähnenswert hier allenfalls der berühmt-berüchtigte Feuertopf, sowie die Pandastation außerhalb der Stadt sind. Zu letzterem bricht früh am nächsten Morgen auf, wer von ersterem – einem Gemisch aus brodelndem Öl mit hundert Chilischoten und dem nach Citrus schmeckenden Sichuanpfeffer versetzt, in das nach und nach Pilze, Tofu, Fleisch und Gemüse manchmal auf Nimmerwiedersehen versenkt werden (es heißt, sie im Anschluss mit Stäbchen im unlichten Sud wiederzufinden) – keine Verdauungsprobleme, höchstens wohl ein leichtes Taubheitsgefühl im Schädel (denn der Sichuanpfeffer ist bekannt für seine narkotisierende Wirkung) davongetragen hat. Hier erhält man die Gelegenheit, in die Wohnzimmer dickbäuchiger, schwarz-weißer Kreaturen zu blicken, die ihren Tag scheinbar damit zubringen, sich auf ihre Rücken fläzend mit den kurzen mit Klauen bestickten Armen Bambuszweige in Richtung Mund zu biegen. Wir lernen: Hierin besteht ein Problem des Rückgangs der Pandapopulation – das Leben ist ohnehin so süß, dass man sich kaum aufraffen mag, sich um so hochtrabende Dinge wie die Fortpflanzung zu kümmern, sei es durch tatsächliche Pandapornos oder die Beihilfe des Personals.

Mit einem Aufenthalt in Chengdu verbindet sich zumeist ein Ausflug zum großen Buddha in Leshan, mehr auch nicht, denn die langen Absperrgitter vor dem Eingangsbereich verraten, dass gerade in den Monaten der Hochsaison der an sich allein durch seine Höhe, sonst aber kaum weiter beeindruckende in den Berg gehauene Religionsbegründer ein wenig überbewertet wird.

Hier stehen wir also auf 3099 Metern Höhe und träumen von Tibet. Hochgeführt hatte uns ein zweitägiger Aufstieg, der, in typisch chinesischer Manier, mit in den Fels gehauenen Treppenstufen gepflastert war – was heilig ist, so der Gedanke, soll auch für jedermann zugänglich sein. Mit Fünfzigliterrucksäcken und Wanderschuhen werden wir auf dem von unzähligen Verkaufsständen gesäumten Weg von singenden Studentinnengruppen überholt und Männern mit Fellmützen, die ihre Freundin auf Stöckelschuhen untergehakt halten und sie nur herausgeben, um mit uns ein Foto zu schießen, später von äußerst aggressiven Tibetmakaken, die in Banden im Wald hausen und den Wandertouristen so lange entzücken, bis sie ihm in die Haare springen oder mit geschicktem Griff hinterrücks die Trinkflasche zu entwenden, um sie mit den scharfen Zähnen aufzubeißen und einen kühlen Schluck zu nehmen, obgleich sich keine fünfzig Meter entfernt ein wunderbar klarer Gebirgsbach durch das Tal schlängelt. Die großartige Natur ist ohnehin eines der Argumente für diese Wanderung: Je mehr Höhenmeter man hinter sich bringt, desto rarer werden die Begegnungen mit Wanderern, desto dichter die Eiskristalle auf dem Fels und das Nebelband um das dürre Geäst und den Bambus an den steilen Berghängen. Stille drückt auf die Ohren dessen, der stehenbleibt, um zu horchen – es ist ein verwunschener Ort.

Wer im Winter kommt und mit einem frühen Sonnenuntergang rechnen muss, erkältet sich am besten in einem der zahlreichen Tempel, die den Weg säumen und sich durch das Angebot von Übernachtungsmöglichkeiten ein – schaut man auf den Preis – nicht unerwähnenswertes Zubrot verdienen. Es ist ein langer Weg bis zum Gipfel. Als die Sonne sich senkt und die Berge in gräuliches Licht taucht, entledigen wir uns unserer Rucksäcke in einem Gästezimmerchen des Yuxian-Tempels, einer kleinen Kammer, unbeheizt, in die gerade drei Holzpritschen passen, von denen aus man bei geöffneter Tür geradewegs auf den gold-rot schimmernden Buddhaaltar blickt. Wohnen tun hier nur zwei Menschen – ein einzelner Mönch, der sein wallendes rotes Gewand über die Terrasse am Hang schleppt und eine Dame mittleren Alters, die ein paar Brocken Englisch spricht und nichts zu tun scheint, als auf einem winzigen Kastenfernseher chinesische Seifen- und Pekingoperetten anzuschauen. Viele Gäste gibt es ja nicht: Am Abend lässt einzig ein Finne sich mit uns in Daunenjacke und Fellmütze gehüllt von der Dame des Hauses bekochen. Nach buddhistischer Manier – das Tötungsverbot und aus dem Verbot des Genusses resultierende Kargheit – gibt es einfaches, gedämpftes Gemüse mit Reis – eine Wohltat nach stundenlangem Wandern und dünnen Nudelsuppen an Garküchen am Wegesrand und wir füllen unsere Bäuche bis die Finger vor Kälte die Stäbchen nicht mehr halten können. Dann ziehen wir uns die Decken bis über die Ohren und schlafen über dem Brummen des Fernsehers nebenan ein – die Wände sind dünn. Am nächsten Tag führt uns ein verschneiter Pfad hinauf auf den sagenumwobenen Gipfel. Unser Müll, unterdessen, findet seine letzte Ruhestätte an einem Hang hinter dem Tempel, wo sich schon ein stolzer Berg gebildet hat – wie, sagt man uns, solle man ihn hier auch abtransportieren? Nur in den schwächsten Momenten unseres Aufstiegs meinen wir dieser Aussage Verständnis zubringen zu können.

Zurück in Baoguo, der Kleinstadt unterhalb des Emei Shan. Im Aufenthaltsraum unserer Unterkunft hängt eine Karte der Region. Mit Billiardstöcken ziehen wir bis spät in die Nacht mögliche Routen nach. Am nächsten Tag wohnen wir einer Gesangszeremonie im Baoguo-Tempel bei. Tibet erscheint so nah.


II - Moderne


Tatsächlich sitzen wir schließlich im Bus nach Kangding (tib. Darzêdo), die uns in einem unsanften Unterfangen mit Tibetern und Han-Chinesen, die allesamt laut schwatzen und obligatorische Sonnenblumenkernhülsen in den Gang spucken, über einen Kurvenslalom mitten in den Autonomen Bezirk Garzê bringt, das chinesische Tor zu Tibet. Ein kleiner, reißender, weiß-schäumender Gebirgsfluss zieht sich unter Weiden durch die Mitte einer Stadt, die sich gerade so den Namen Großstadt verdient macht und nicht unbedingt durch ihre Schönheit besticht – wenn man nicht gerade im Zhilam Hostel übernachtet. Einen aufgrund der Höhe recht sportlichen Hügelaufstieg von den Betonklötzen der Innenstadt entfernt – unterwegs trifft man Einheimische mit Karren, die recht belustigt unser Keuchen bemerken – spürt man in diesem von einem amerikanischen Ehepaar betriebenen Gästehaus den Geist von Tibet in den bunt geschmückten Wänden.


Hier lernen wir Chemey kennen. Der 23-jährige Rezeptionist tritt uns im chupa-Mantel entgegen, einem schwarzen, weiten Überwurf, mit Wolle gefüttert und auf der Hüfte gebunden, mit überlangen Ärmeln, von welchen er nach landestypischer Manier in einem steckt, den anderen aber lose über den Rücken fallen lässt, sodass auf der einen Seite sein roter Pullover freigelegt wird. Seine Haare sind etwas länger und wild, an den Füßen trägt er schwarze Stiefel über seine Jeans. In Europa, so denken wir, wäre er keine unmodische Erscheinung gewesen. Sein Englisch ist gut, zuvor hat er in Indien und Nepal studiert, doch er, der Sprössling einer Nomadenfamilie, ist wie die meisten jungen Tibeter tief in seiner Kultur verwurzelt – das merkt man an jedem seiner Worte. Abends in den frostigen Straßen von Kangding suchen wir nach einem Ort, um nach einem langen Tag ein Bier zu trinken. Zwischen flackernden Lagerfeuern auf dem Bürgersteig, dampfendem Müll und herrenlosen Hunden ist es ein Zufall, dass wir ihn wiedertreffen, der mit seinen zwei pferdeschwanz- und chupa tragenden Freunden und ähnlichen Gedanken durch die Gassen irrt. Nach ein paar Flaschen in einer örtlichen Bar, einem Nachmitternachtssnack aus scharfen Fleisch- und Gemüsespießen auf Holzhockern in einer der vielen Garküchen ist man sich bedeutend näher gekommen. Am nächsten Morgen treffen wir etwas verschlafen zu einem Frühstück zusammen und schmieden Pläne: Gonpo, der Mann mit dem abrasierten Seitenhaar und den langen braunen Stiefeln möchte uns in sein Heimatdorf begleiten.


Über einen Pass auf viereinhalbtausend Metern Höhe geht es nun die gewundenen Landstraßen der Hochebene entlang gen Westen. Hinter den Fenstern spielen die gleißenden Strahlen der Höhensonne mit den Weiden und Steppen, den Hügeln und Gebirgsbächen der kargen Landschaft; im Radio spielen tibetische Volksgesänge, fröhliche, bunte, wilde Melodien, die von dem einfachen Leben, dem Ackerbau, dem Nomadentum und der Liebe handeln. Nicht umsonst wird Kangding, nicht zuletzt wegen des berühmten „Kangding Love Song“, auch das Land der Romantik genannt. Schließlich geht es nur noch über holprige Pfade und Gonpos Verwandter, der uns in den nächsten Tagen als Fahrer dienen wird, hält das Fahrzeug an. Hier oben, auf fast viertausend Metern errichtet Gonpo, 30, mit seinem Freund Nyima, der leider verhindert war, nur wenige Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt ein Resort mit Sicht auf den über siebeneinhalbtausend Meter hohen Gongga Shan, den höchsten Gipfel Sichuans. Die weiße, zackenförmige Spitze erscheint hinter sprödem Gebirge zum Greifen nah. Als die Sonne sich senkt, verfärbt er sich erst rot, dann lila. Wie hofft er, an einem solch abgeschiedenen Ort Kunden zu finden? „Wir zählen natürlich auf die Individualtouristen“, erzählt er etwas verlegen vor dem Ofen eines kleinen Zeltes, an dem wir uns die Hände wärmen, „Menschen aus Europa, dem Westen, die vor allem an tibetischer Kultur interessiert sind. Uns ist es wichtig, authentisch zu sein, schon in der Bauweise.“ Außerdem plane er, Trekking- und Reittouren zu organisieren; in Nepal, wo er Chemey und Nyima kennengelernt hatte, habe er schon Erfahrungen im Tourismus gesammelt, Extremsporttouren begleitet und gestaltet. Seine Familie indes, die Bauern sind und deren Arbeit im beißenden Winter stillsteht, sodass sie allesamt beim Bau mit anpacken können, sind auch vor dem Feuer versammelt, schlürfen Buttertee und werfen uns hoffnungsvolle Blicke zu. Bevor die Dunkelheit sich vollständig über das Land legt, ziehen wir in ein Lokal seines Dorfes weiter. Vor der Tür streunen Hunde und Yaks, drinnen sitzen wir in einem Privatraum auf mit Teppichen gepolsterten Sofas und schlürfen salzigen Tee mit Yakbutter zu Thukpa, einer Nudelsuppe mit Yakfleisch und Kartoffeln und – wie sollte es anders sein – Yakfleisch, das mit den Fingern gegessen und in Chili, Salz und Pfeffer getunkt wird. Als wir den Laden verlassen, sind die Bürgersteige hochgeklappt – nur einzelne Einheimische schlürfen in Teehäusern ein Heißgetränk und verlieren beim Majiang ein paar Yuan oder ein Yak.


III - Tradition


Am nächsten Morgen holt unser Fahrer uns früh ab, den Beifahrersitz okkupiert sein Vater, ein Mann mit brauner, wettergegerbter Haut und schwarzem Hut, auf dessen Knien sein Enkel balanciert, sodass wir drei uns auf die Rückbank zwängen müssen. Schön zu wissen, dass wir einen Familienausflug finanzieren. Andererseits scheint das Pferderennen im zwei Stunden entfernten Dorf Sade ein besuchenswertes Spektakel für eine tibetische Familie darzustellen – wir sind gespannt. Als wir auf die Straße steigen, fühlen wir uns in den wilden Westen, hundert Jahr zurückversetzt: Hier streifen echte Cowboys – pardon: Yakboys – durch die nach Rauch, Butter und Kälte duftenden Gassen, die die langen Ärmel ihrer chupas stolz spazieren tragen. Mönche in dicken roten Gewändern sitzen neben dickberingten, pfeiferauchenden Männern mit langkrempigen Hüten, in engen, schwarzberußten, zu Restaurants umfunktionierten Garagenhucken und schlürfen Buttertee, während sie der Köchin dabei zusehen, wie sie in einem großen, metallenen Wok, der ihr Gesicht in Dampf taucht, frische köstliche Momosuppe zubereitet. Obwohl wir uns schrecklich exotisch fühlen, obwohl hier kein Tourist ist, die einzige chinesische Präsenz sich durch einen Polizisten äußert, schaut uns niemand an – es ist, als seien wir unsichtbar.

Der Hang nahe des Dorfes, der auf einen im Sonnenlicht kristallen glitzernden Gebirgsfluss blickt, ist bereits mit munter schwatzenden Familien auf Picknickdecken gespickt, Männerrunden mit goldenen Fellmützen, die Wetteinsätze besprechen oder sauber aufgereihten Nonnenausflügen. Um einen Haufen trockener, qualmender Äste auf einem großen, staubigen Platz, deren Rauch die Sonne wie Zauberstaub erscheinen lässt, scharen sich die restlichen Männer und begutachten kritisch die mit bunten Bändern geschmückten Tibetponys, die nun vorgeführt werden. Plötzlich ertönen jodelnde Rufe, die wie ein Wasserfall von anderen Stimmen aufgenommen und wiederholt werden, ein Stoß bunter Papierschnipsel wirbelt in die Luft und die Masse strebt, als hätte sie sich verabredet, in vier Himmelsrichtungen auseinander. Eine halbe Stunde später können wir die Pferde mit ihren Reitern die Straße hinter dem Fluss entlangschießen sehen.


IV - Religion


Auf 3700m Höhe liegt der kleine aus einer einzelnen Hauptstraße bestehende Ort Tagong (tib. Lhagang), welche schließlich in einen quadratischen, staubigen und teils ungepflasterten Platz mündet, um die sich ein paar Bänke, ein paar Yaks und streunende Hunde, ein kleiner Tempel, sowie das Khampa Café and Arts Center scharen. Das kleine Gästehaus ist liebevoll und authentisch eingerichtet und an einem Abend im Dezember, keine zwei Wochen vor Weihnachten, in dem der Nachtfrost durch die hölzernen Wände des unbeheizten, kaum belegten Hauses kriecht, kann man Amerikanerin Angela, die die Unterkunft zusammen mit ihrem tibetischen Mann betreibt vor dem Ofen des kleinen Wohnzimmers, der mollige Wärme verbreitet und einer Tasse Tee einige Geschichten entlocken. Während zwei Katzenbabys sich in der Nähe der glühenden Scheite Kämpfe abliefern, die kleine Tochter auf dem Sofa ein gekochtes Ei pellt, erzählt sie vom tristen Leben im Winter, wenn die Besucher ausbleiben und die Region im Frühjahr traditionell drei Monate lang von der chinesischen Regierung abgesperrt wird, von Dorffehden, aber auch von Besuchen beim Nomadenstamm ihres Mannes, dem hiesigen Buddhismus, uralten Bräuchen und der Schönheit Tibets.

Wenn die einzige Attraktion eines Ortes in seiner Authentizität liegt, geh man am besten dem Geist seiner Menschen auf die Spur und wo ginge das in Tibet besser als in einem Tempel. Nur wenige Schritte über den von Hunden besiedelten Platz trennen unsere Unterkunft von dem hiesigen, eine typische tibetische Baute, stämmig, kräftig, robust, nach oben sich minimal verjüngend, weiß getüncht, dann gemustert in den Farben der Sonne, schließlich zur Spitze hin mit goldenen Aufsätzen verziert; im Wind auf den umliegenden Hügeln wehen lautlos tausend bunte Gebetsfahnen. Eine Stille drückt auf unsere Ohren, die uns in meditative Entrückung zu versetzen scheint und der Geruch längst erloschener Räucherstäbchen wabert in der Luft. Im Inneren sind zwei mit Teppichen gepolsterte Bänke vor dem goldenen zeitlos würdevollen Buddhaaltar aufgereiht; es riecht nach Rauch und altem Holz – der Geruch Tibets. Von den bunten Wänden blicken grimmige Dämonen mit Säbeln und spitzen Zähnen auf uns hinab; in einer Darstellung der sieben Welten erleiden dickbäuchige, dünnhälsige Geister Höllenqualen und Menschen werden beim lebendigen Leibe die Glieder von den Gelenken gerissen. Beim Atmen stoßen wir weiße Wölkchen aus. Mein Mitreisender und ich ziehen unsere Schuhe aus und ein zusätzliches Wollsockenpaar gegen die Kälte und dann lassen wir uns auf gegenüberliegenden Bänken nieder. Zunächst grinsen wir uns beschämt an. Dann legen wir unsere Beine in den Schneidersitz und schließen langsam die Augen. Der Hauptzweck der buddhistischen Meditation, hat mir einmal ein Mönch erklärt, besteht darin, die Aufmerksamkeit des Geistes vom Gewirr der äußerlichen Einflüsse abzulenken. Dem Leiden, das durch das Stechen der Sonne entsteht. Der Freude, die das Zwitschern von Vögeln hervorruft. Durch den Fokus allein auf der verlangsamten Atmung gelangt man dann zur inneren Ruhe und zu langanhaltendem Glück. Ob wir schließlich für fünfzehn Minuten dort sitzen, für eine Stunde oder zwei – ich weiß es nicht mehr. Der Fluss meines Atems wir nur unterbrochen, dann und wann, wenn mein Gegenüber sich räuspert oder wenn im sonst so menschenleeren Raum Schritte widerhallen und Stimmen wie aus einer anderen Welt leise flüstern und wieder abebben und verschwinden. Doch ich öffne nicht die Augen, erst wieder, als das Kribbeln in meinen Beinen unerträglich wird, nur um zu finden, dass ich mich allein in der Halle aufhalte. Mein Freund steht draußen und beobachtet, wie zwei Hühner sich über den menschenlosen Hof jagen; seine Zehen sind eingefroren, sagt er, und weist mich dezent darauf hin, dass das Rot des Teppichs auf meine Hose abgefärbt hat. Wir fühlen uns furchtbar dilettantisch.

Ein paar Kilometer ortsaufwärts, hinter einem goldenen Tempel, der verheißungsvoll vor der schneebedeckten Spitze des fast-Sechstausender Mount Yala in der untergehenden Sonne glitzert, hat sich eine religiöse Gemeinschaft rund um das Lhagang Nonnenkloster angesiedelt. Hier leben tiefgläubige tibetische Bauern, die im Winter das Feld bestellen oder Yakherden in die Grasebenen treiben und den Winter ausschließlich mit Beten und Meditation verbringen. Tsenpo, ein Mann Ende dreißig mit warmem, weichen Gesicht und roten Wangen, ist ein solcher Einwohner. Zusammen mit seiner Frau Dronma und Söhnlein Rinpoche lebt er in einem Haus, das im Dorf als respektabel gilt: Es gibt zwei Zimmer; ein winziges Vorzimmer mit Ofen und ein durch eine Schiebetür abgetrenntes recht großes holzverkleidetes Hinterzimmer, in welchem bis auf drei Betten erstaunlich wenig Möbel stehen – unsere Betten. Vermittelt wurden sie uns von Angela, der amerikanischen Dame, die neben erstaunlichen Kenntnissen der tibetischen Sprache auch über das nötige Kontaktnetzwerk verfügt.

Hin kommt man übrigens am besten per Anhalter. Das klingt etwas riskant, an einem Ort, an dem streunende Hunde das Straßenbild bestimmen, zu einer Zeit, in der die Sonne schon vor sechs Uhr untergeht, aber gewiss die einzige Möglichkeit, sich fortzubewegen, denn öffentliche Busse kennt dieses Fleckchen Erde nicht. Zwei nette junge Herren nehmen uns gegen ein Trinkgeld mit; für zehn Yuan mehr darf es dann an der Abzweigung auch direkt in den Ort sein. Dieser ist an einem klaren Winterabend von überwältigender Überirdischkeit. In den Straßen begegnet man vermummten Menschen, Nonnen oder Herrschaften mit wettergegerbten Händen, welche die Bewegungen einer Verbeugung imitieren, wenn man sie mit „Tashi delek!“ grüßt. Aus den vielen Hügeln und Hängen des Dorfes treten Wasserrinnen, um die das austretende Wasser in bizarren Formationen gefroren ist. Warmes gelbes Sonnenlicht legt sich auf den Nebel der Hügel und Weiden, verwitterte Gebetsflaggen, die zu hunderten, tausenden auf ihrem Rücken stehen, von der Witterung zerfetzt von Holzmasten hängen, baden im Licht des Feuerballs, der sich wie ein saftiger Pfirsich hinter die dürren Erhebungen des Hochgebirges schiebt. Auf einem Berg von Schiefertafeln mit golden eingravierten Gebeten, hergebracht von Gläubigen, sitzt ein Lautsprecher, der sich ewig wiederholende Mantras durch das gesamte Dorf schickt, darunter ein mächtiger Unterbau, der mit Gebetsmühlen gespickt ist, welche von hunderten Männern und Frauen in chupas und schwarzen Schleiern stetig umrundet und in Gang gehalten werden. Es scheint, als sei das ganze Dorf zum Beten gekommen.


V - Wirklichkeit


Tsenpo wohnt mit seiner Familie nur wenige steinerne Stufen den Hügel hinauf, trotzdem macht sich nach wenigen Schritten der Sauerstoffmangel bemerkbar und das „Tashi delek!“ können wir nur keuchen, als Dronma uns die Türe öffnet. Sie lächelt – Westler – und platziert uns im engen Vorraum, wo schon ein salziger Tee mit Yakbutter auf dem Ofen köchelt. Jeder erhält ein Fladenbrot, welches in den Buttertee getunkt wird und eine kleine Portion eingelegten Rübensalates auf einem blauen Plastiktellerchen. Zunächst herrscht eine peinliche Stille; wir versuchen gestikulierend herauszufinden, wo wir die Teller abstellen können, wo das Bad ist, unsere Gastgeberin deutet abwechseln auf den Boden und nach draußen. Als wir erfahren, dass das jeweilige Gegenüber ansatzweise Chinesisch spricht, tut das der Sache ungemein bei, sie haben plötzlich Freude daran, uns in fellgefütterte chupas einzupacken und mit unseren Kameras zu fotografieren; einer meiner Freunde bekommt einen tibetischen Cowboyhut aufgesetzt, dem anderen wird ein verzierter Säbel in den Gürtel gesteckt. Ich bin ohnehin drollig, da ich in einem typischen Männerkleidungsstück stecke, das hoffnungslos zu groß für mich ist. Ich werde es brauchen – da die Familie selbst im Vorderzimmer mit dem Ofen schläft, soll es die kälteste Nacht meines Lebens werden. Als ich am nächsten Morgen um sieben Uhr von den im Dorf widerhallenden Mantras des Lautsprechers geweckt werde, ist die Scheibe neben mir mit Eiskristallen gespickt.


Es gibt Buttertee zum Frühstück. Wie sollte es anders sein? Doch in einer kargen, unwirtlichen Landschaft wie Tibet im Winter ist er unabdingbar, da er Wärme, Energie, Flüssigkeit und Mineralien spendet. Wenn man ihm allerdings kein Salz, sondern etwas Mehl, noch ein Stückchen Butter und Zucker beimengt und die Mischung – nach traditioneller Art – mit dem Zeigefinger rührt, entsteht daraus ein köstliches Frühstück, das unter dem Namen tsampa bekannt ist und man isst es, mit den Fingern mundgerechte Brocken abzupfend, wie ein Kind rohen Teig naschen würde. Wir winken kräftig, als unser Fahrer uns abholt, um uns zurück nach Kangding zu bringen, von wo aus wir den Bus nach Chengdu nehmen wollen. Als wir in der Stadt der Romantik ankommen, fallen leise, sanfte Schneeflocken vom Himmel. Ein wohliger Anblick – schließlich ist in einer Woche Weihnachten. Und uns wird klar, wo könnte man besser die Adventszeit verbringen als in Tibet? Geruch von Butter und Rauch, Land der Weiden, der Ruhe und des Lichts.