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Sapa (Vietnam)



Sapa: Reisterrassen, nebelverhangene Gipfel und Folklore – wer den Norden Vietnams bereist, kann sich schwerlich den Versprechungen dieser Stadt entziehen. In den Dörfern rund um die 40.000-Einwohner-Stadt leben mit den Roten Dzao, den Schwarzen und Blumen-Hmong zahlreiche ethnische Minderheiten, die mit ihrer ganz eigenen Kultur locken. Im Rahmen eines zweitägigen Trekkings mitsamt Übernachtung bei einer lokalen Familie lässt sich das Umland besonders gut erkunden.

I – Der Nachtzug

„Going to Sapa?“, ruft uns der Portier im Hotel in Hanoi im Vorbeigehen zu. Wir nicken und bekommen einen gekühlten Tee serviert, während wir in der Lobby auf unsere Abreise warten. Obgleich wir nicht um seine Fähigkeiten in der englischen Sprache wissen, wird uns bewusst, dass jene Frage zum Standardrepertoire des Personals gehören muss; unter der Treppe sieht man jeden Tag Kofferberge sich auftürmen und wieder abbauen. Wer in Hanoi ist, fährt in die Halong-Bucht und nach Sapa. Und der Zug nach Sapa fährt um zehn Uhr in der Nacht.

Gegen acht Uhr hält ein Fahrzeug vor der Tür und zu acht Personen lassen wir uns zum Bahnhof von Hanoi bringen. Mit unseren Rucksäcken auf den Rücken schieben wir uns durch das hitzige Gedränge am Bahnhof und folgen unserem Fahrer nach draußen, in die Dunkelheit der Gleisanlagen, die er mit flinken Schritten überquert – man selbst muss Obacht geben, den schmalen Mann nicht aus den Augen zu verlieren – , die zwei Koffer in seinen Händen um Züge herummanövriert und ab und an mit Kopfnicken einen Kollegen zu grüßen scheint. Schließlich steigen wir über ein Trittleiterchen mit etwas nostalgischen Gefühlen in den Nachtzug in die Gebirgsstadt Sapa ein und finden uns in einer bescheidenen Vierbettkabine mit einem englischen Ehepaar wieder, das auf dem Weg zur Tochter nach Singapur das Erlebnis des vietnamesischen Berglandes nicht missen wollte – auf vier Quadratmetern zusammengepfercht kommt man als europäische Südostasienreisende schnell ins Gespräch.

Der Zug dröhnt und erzittert, aus den Gängen erklingen erregte Rufe, und plötzlich wird aus dem Bollern des Motors ein geschmeidiges, monotones Keuchen – es ist so weit, der Nachtzug nach Sapa setzt sich in Gang! Durch das Fenster, wir selbst in warmes, schummriges Licht getaucht, beobachten wir, wie das erdunkelte, späte, sonst so geschäftige Hanoi sich zum Stillstand herablässt, vor der offenen Tür schiebt ein vietnamesisches Kind eine an einem Stab befestigte, leuchtende, singende Languste vorbei. Schließlich leeren sich die Gänge – nur einige wenige, die keinen Platz in den Kabinen gefunden haben, müssen sitzenderweise auf dem Gang zur Toilette umstiegen werden – aus den Kabinen dringen bisweilen die Fetzen von Lachen und angeregten Gesprächen.

Die Engländer lösen auf ihrem Tablet Kreuzworträtsel, wir legen uns zum Schlaf – die Nacht wird kurz werden und auf harten Betten will niemand einer kurzen Nacht spät begegnen. Die Entfernung zur Zielstation beträgt zwar gerade einmal 380 km, eine Distanz die normalerweise in wenigen Autostunden zurückzulegen ist, doch da der Zug eine Höchstgeschwindigkeit von fünfunddreißig Stundenkilometern nicht überschreitet und sich, während seine Insassen schlafen, mühsam anderthalb Höhenkilometer erklettern muss, benötigt er eine ganze Nacht.

Das Rattern der Räder auf den Gleisen muss uns irgendwann eingewogen haben. Irgendwann in den frühen Morgenstunden werden wir abrupt von einem vehementen Klopfen an unsere verschlossene Kabinentür geweckt, die Lichter erloschen, der Zug verlassen. Hektisch lesen wir in der Dunkelheit unser Gepäck von Boden und Betten auf und treten auf den von gelblichem Laternenlicht spärlich beleuchteten Bahnsteig hinaus. Der Pullover, der uns in der von einer Klimaanlage behandelten Nacht vor der Verkühlung bewahrt hat, wird überflüssig, denn auch die höheren Lagen scheinen – wenn auch ungleich dezenter – von warmen Tropennächten zu wissen. Am Bahnhofsvorplatz von Lao Cai, einer Großstadt der gleichnamigen Region im Nordwesten Vietnams, von wo man während der Tageszeit einer klaren, sonnigen Stunde hoffen kann, einen Blick auf die von Nebel umschlungenen chinesischen Berge zu erhaschen, werden wir von einem Kleinbus abgeholt, der uns weitere vierzig Kilometer in Serpentinen nach Sapa hinauffährt.

Nachtzug nach Sapa


II – Sapa

Sapa, ein ehemaliger Erholungsort der französischen Kolonialherren vor dem schwülen und heißen Sommerklima der niedrigeren Lagen, ist mitten an einen Berghang gebaut. Die charakteristischen vietnamesischen Bauten, ein Zimmer breit und mehrere Stockwerke hoch, weisen von der einen Seite drei, von der anderen sieben oder acht Etagen auf, einige Balkone geben den Blick auf den Dreitausender Fansipan, den höchsten Gipfel Indochinas, frei. Die Hotels scharen sich um eine Touristenstraße – wenn es das Ziel der Einheimischen war, jenen Glauben zu machen, das Zentrum der Kleinstadt begrenze sich auf jenes Gebiet, so ist ihnen dies gelungen. Hier findet man hohe Preise und klimatisierte Steakrestaurants. Wer dem Trugschluss nicht anheimfällt, kann ein paar Gehminuten entfernt ein authentisches Sapa erleben. Bleibt man jedoch in der touristischen Region, so tut man gut daran, sich auf die höher gelegene Terrasse eines Restaurants zu setzen, einen heißen Grüntee mit Ingwer, Zimt, Zitronengras und Zucker zu trinken und das geschäftige Treiben aus Touristen mit Karten, Kunsthandwerk und Rucksäcken und einheimischen Hmong-Frauen in Trachten und Körben auf den Rücken zu beobachten.


Mitten im Zentrum des Betriebs ist auf einem runden Platz ein kleiner Markt für Kunsthandwerk gelegen, der leider mehr Eingänge besitzt, als er Ausgänge bietet. Hier versammeln sich die Frauen aus den Dörfern täglich, um traditionelle Kleidung und Schmuck den Touristen feilzubieten. Jenen bieten sich in der Tat genügend Punkte des Anreizes, die sie dazu bewegen, die kreisförmige Aushebung zu betreten – die Hmong und Dzao offenbaren dem Auge ihre prächtigen Trachten – doch gerade hierin scheint indes die stille Vereinbarung der beiden fremden Kulturen zu liegen, die seit den Neunzigern nun immer zahlreicher aufeinandertreffen: In Sapa tauscht man das Urlaubsfoto mit der exotischen Blumen-Hmong gegen den überteuerten Kauf eines bestickten Gürtels, dessen Herkunft allerdings allzu zweifelhaft erscheint. Wer sich auf jene Einigung nicht einlässt, wird deutlich ihre Existenz vor Augen geführt: Da wir den Marktplatz mit Mühen verließen, heftete sich eine fünfundsechzigjährige Dame an uns, die erst ihrem Interesse Platz einräumte, woher wir wohl kämen und wie viele Kinder meine Mutter habe – sie selbst habe drei – und dann sinnierte – mit einem von Mitleid und Unverständnis geprägten Blick –, wenn man nur eine einzige Tochter habe, müsse man diese besonders verwöhnen und ihr – zum Beispiel – ein paar ihrer traditionellen Kreolen schenken. Alsbald schmiegte sich das schmächtige Frauenzimmer – ihr Kopf reichte nur bis zu unseren Schultern – an den Arm meiner Mutter und raunte ihr unter verschwörerischem Blick zu, wenn sie nur bei ihr kaufe, wolle sie ihr schon einen guten Preis machen – einen besseren als jenes Mädchen, welches mir derweil ihr carpe diem erklärte, denn morgen sei sie nicht mehr in der Stadt. Nachdem wir eine halbe Stunde mit den freundlichen Damen über die Märkte geschlendert waren, erschien eine Flucht in die sicheren Hallen des Hotels als verlockende Erholung.


III – Unterwegs nach Va Tan

Wer nach Sapa kommt und sich nicht auf ein zweitägiges Trekking einlässt, muss sich gewiss sein, den prächtigeren und authentischeren Teil des Berglandes zu versäumen. An einem Tag bahnt man sich den fünfzehn Kilometer langen Weg ins Tal, wenn man sich zum Beispiel das Hmong-Dorf Va Tan zum Ziel nimmt, um dort bei einer einheimischen Familie zu übernachten, und, zwischen Reisterrassen, idyllischen Dörfern und meterhohen Bambuswäldern vergisst man und vergibt man gerne die geschäftige Atmosphäre in Sapa. Unsere Führerin ist Hmong, vierundzwanzig und trägt zu dem traditionellen schwarz-blauen Rock und den Wadenbinden Turnschuhe und einen lilafarbenen Kapuzenpullover; ihr Name ist Kua. Ob das eine Bedeutung habe? „Wind“, sagt sie und lächelt etwas zerknirscht. Tatsächlich scheint Kua die schnellsten Füße in Sapa zu besitzen, wir überholen sämtliche Trekking-Gruppen von hinten und Pausen zum Fotografieren muss man sich von ihr höflichst erbitten. Sie stamme aus Va Tan, erzählt sie, aber ihre Eltern wohnten abseits des Dorfes, weiter den Berg hinauf, deswegen sei es ihr auf ihren Touren selten möglich, sie zu sehen.


Schnell ist ein weiterer Anschluss gefunden: Auf dem Weg begegnen uns drei Hmong-Frauen mit leeren Körben auf den Rücken. Sie haben nun alles verkauft, erklären sie, und seien nun auf dem Weg zurück in ihr Heimatdorf. Der schmale Pfad, auf dem wir wandern, ist steinig und teilweise steil; unsere Bekanntschaften wandern in Plastiksandalen. Aber Gegenstand der Verwunderung sind wir, weiß man doch insgesamt nicht recht, was man davon halten soll, dass meine Mutter nur eine Tochter habe und die auch noch so groß geraten sei! Woher wir eigentlich kämen?

Der Weg führt uns auf schmalen Hängebrücken über reißende Gebirgsflüsse, in den Reisfeldern schuften die Bauern und wälzen sich die schlammverkrusteten Wasserbüffel in einer Arbeitspause, die Kinder haben sich nahe einem Fluss in einem Stelzenbau zusammengetragen, wo sie, während die Eltern sich der Ernte widmen, auf sich allein gestellt sind und aufeinander aufpassen. Passiert man ein Dorf, geschieht es schnell, dass man sich von ihnen umringt findet: Man solle doch ein Bändchen kaufen! „Buy from me!“, stimmen sie ihr endloses Mantra an. Am Mittag müssen wir uns im Dorf Lao Chai von den drei Damen verabschieden und es ist wohl kein Zufall, dass sich in ihren vermeintlich leeren Körben noch ein Restbestand an bestickten Gürteln und Federmäppchen findet. Zum Kauf bindet uns jede schließlich noch ein Armbändchen um, welches sich später sicherlich noch als schlagendes Argument bei allzu aufdringlichen Kindern erweisen wird. „Unsere Herzen sind mit euch!“, ruft meine Mutter, die Damen lächeln uns zufrieden zu und lösen sich im Gedränge des Dorfes auf. Wir indes werden von einem Australier bewirtet, der sich im saftigen Grün der Reisfelder niedergelassen hat.


Am Nachmittag kommen wir in Va Tan an und blicken freudig der Trennung von unseren Wanderschuhen entgegen. Als wir einen größeren Hof erreichen, biegt Kua plötzlich ab und begrüßt eine andere junge Frau in ihrer Muttersprache – die Tradition wird stolz getragen, man besteht darauf, keine Vietnamesen zu sein. Dies sei unser „Homestay“ sagt Kua, es gebe Bad, Dusche, Matratzen, man könne sich wie zu Hause fühlen. Nachdem wir mit unserer Gastgeberin eine obligatorische Tasse des vietnamesischen, sehr starken Tees genossen haben, dürfen wir uns im oberen Stockwerk jeweils eine von zwanzig Matratzen aussuchen, die selbstverständlich mit Moskitonetz ausgestattet sind und schnell müssen wir uns von sämtlichen naiven Vorstellungen trennen: Natürlich ist auch der „Homestay“ in den Bergdörfern hoffnungslos kommerzialisiert.

Wir teilen uns das Lager mit zwei Holländern, zwei reiselustigen Amerikanern in ihrem sechsten Urlaubsmonat, zwei Freunden aus der Schweiz und einem malaysischen Ehepaar. Das Abendessen kostet zusätzliche zweihunderttausend Dong, was zwar etwa sechzehn Euro wert ist, jedoch an die sechzig Euro entspricht. Immerhin werden wir mit einem reichhaltigen, köstlichen Tisch belohnt; in die kleinen Schüsseln füllen wir mit unseren Stäbchen Reis, Frühlingsrollen, Hähnchen und Rindfleisch mit Zwiebeln, Paprika, Pilzen und Zitronengras, Tofu in Tomate, Kohl und – Pommes mit Knoblauch. Nach einer Dusche flicht meine Mutter mein Haar zu einem Bauernzopf. Die Dame aus Malaysia ist eine neugierige Beobachterin und bald eilt ihr Mann aufgeregt mit seiner Kamera hinzu und erbittet sich uns als Fotomotiv. Während wir uns aus jeder Perspektive ablichten lassen, erklärt seine Frau, dass es sich bei dem Bauernzopf in ihrer Heimat um eine traditionelle Hochzeitsfrisur handle – ein entzückender Anblick.


IV – Durch den Regen nach Giang Ta Chai

Der nächste Morgen – eingeleitet mit einem Frühstück aus Pfannkuchen mit Bananen und Limette – bringt nichts als Regen; während die schweren Tropfen den rötlich-braunen Erdboden durchweichen, schiebt sich der Nebel träge an den Berghängen entlang. Doch alles Sträuben hilft nichts – die Straße für den Kleinbus führt nur an Giang Ta Chai, einem etwa zehn Kilometer entfernten Dorf, vorbei, und der Nachtzug in Lao Cai wartet unvermeidlich. In rote, mülltütenähnliche Regencapes gehüllt wagen wir uns also auf die durchgeweichte Erde der unwegsamen Pfade, der Schlamm scheint uns unter den Füßen wegzurutschen und ab und an muss der Griff zu Stämmen und Wurzeln uns den Abstieg erleichtern. Als wir den Bambuswald verlassen, balancieren wir über die rutschigen Ränder der Reisterrassen; meine Mutter hält ihre Kamera sehr fest, denn auf der rechten Seite steht der geflutete Reis und auf der linken Seite gähnt der Abgrund zur unteren Terrasse – ein anderes Mal überqueren wir eine nebelverhangene Wiese, die keine drei Meter weit blicken lässt. Wer die Magie der Berglandschaft nicht vorher erahnt hat, der spürt sie spätestens an einem mystisch-verhangenen Regentag.

In Giang Ta Chai werden wir schließlich abgeholt und die beachtliche Route, die wir in den letzten beiden Tagen gewandert sind, staunend wieder zurückgefahren. Ein freier Nachmittag trennt uns vom wiederholten Besteigen des Nachtzugs in Lao Cai, eine Dusche, ein Tee mit frischem Zitronengras auf der Xuan Vien Straße, ein Abendessen auf einem blauen Plastikhocker vor einem Teller mit dampfendem Reis in der vietnamesisch-chinesischen Grenzstadt und die Gewissheit einen Höhepunkt unserer Vietnamreise erlebt zu haben.



V – Rückkehr nach Hanoi

Es ist fünf Uhr am Morgen als wir wieder in Hanoi ankommen, der Taxifahrer lässt seine Dienste widerwillig auf 120.000 Dong hinabhandeln. Unterwegs überraschen uns die verlassenen Straßen, die sich zur besten Tageszeit nur als mit sehr viel Geschick zu überqueren präsentieren, die Gehwege, sonst mit Waren, Motorrädern und Menschen versperrt, sind leer. Im Hotel hat man unsere Ankunft schnell bemerkt und man öffnet uns die Tür. „So how was Sapa?“, fragt uns der verschlafene Portier am Eingang.