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Hanoi



Hanoi, du bist eine sinnliche, eine satte, du bist eine listige Stadt. Du nimmst den Reisenden, der dich in der eigentümlichen Mischung einer erschöpft-benommenen Seligkeit betritt, in deine feucht-würzigen Arme, führst dem Ergebenen in seiner Trance deine betörenden Düfte unter die Nase, das Aroma herzhafter Brühen und Koriander und Basilikum aus deinen Garküchen, Sandelholz und Amber aus deinen Tempeln und selbst die Abgase deiner unzähligen Mopeds fügen sich unabdingbar als Basisnote in dein Konzert der Gerüche mit ein und während du den willenlos sich Umschauenden ziellos durch deine Adern treibst, riskierst du nicht nur einmal, dass er ob deiner Geschäftigkeit bereits an seinem ersten Tag eines unnötigen Verkehrstodes stirbt. Wie geschäftig es ist, während wir uns der Ruhe halber zum Hoan-Kiem-See gen Stadtmitte kämpfen! Hier ist der Verkehr zum erliegen gekommen und als Fußgänger stecken wir zwischen zehn Mopeds fest – dort schlängelt sich ein Mädchen auf Plastiksandalen vorbei, die auf das ihre einen zu beiden Seiten hinausragenden Kühlschrank geschnallt hat, eine vorübergehende Greisin mit Kegelhut bietet uns aus ihren Körben hartnäckig reife Mangos und Longan-Früchte an.

Städte erwachen stets früher als man selbst; selbst ein Jetlag vermag dem Pulsieren, den Gerüchen Hanois nicht zuvorzukommen. In einem frühmorgendlichen Spaziergang umrunden wir den Hoan-Kiem-See, der des Abends von verliebten Pärchen unter den langen, trägen Ästen seiner bizarr geformten Bäume, von Tangorythmen und ihren Gefolgern, von Geigern und Sängern und Männergruppen mit Hanteln, des Morgens aber von würdevollen alten Damen beim Tai Chi gesäumt wird. In seinen bräunlich-stillen Wassern, an den Ufern der kleinen Pagode auf einer Insel im See haust eine jahrhundertealte Schildkröte – so will es die Legende. Als buddhistisches Symbol der Weisheit und des ewigen Lebens soll sie im Literaturtempel in vielfacher Ausführung seiner berühmten Schüler gedenken.