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Halong-Bucht (Vietnam)



Mit einer authentischen Dschunke ein oder zwei Tage durch die Halong-Bucht zu fahren, gilt seit jeher als Höhepunkt einer jeden Vietnamreise. Es erstaunt nicht: Etwa dreieinhalb Stunden von Hanoi entfernt besteigt man in Halong-City eines der Boote und befindet sich schnell in jenen wohlbekannten Gegenden, wo die dichtbewaldeten Karststeinfelsen aus dem türkisblauen Wasser aufragen. Das UNESCO-Weltnaturerbe mit seinen Buchten, Inseln, Grotten und Höhlen lässt sich mit etwas Zeit am besten per Kayak oder bei einer Wanderung erkunden.

Tag 1

Im Hafen von Halong-City besteigen wir die Dschunke, die uns nunmehr zwei Tage lang durch die Bucht des untertauchenden Drachen fahren soll. Ihr vietnamesischer Name rührt von jener Legende her, nach welcher ein Drache, das Land durchschreitend, tiefe Furchen in den Boden gerissen haben soll, die sich schließlich mit Wasser füllten, da er ins Meer abtauchte. An Bord unseres Bootes befindet sich ein kleiner Speisesaal, in welchem jede Reisegruppe – außer uns sind Neuseeländer, Franzosen, Deutsche und Belgier vertreten – einen eigenen Tisch mit weißer Stofftischdecke zugewiesen bekommt, die bald schon zur Tanzfläche einer sechsgliedrigen Menüabfolge – bestehend aus Suppe, Frühlingsrollen und allerlei lokalen, frischen Fisch- und Meeresfrüchtespeisen – konvertieren, welche flinke, langnägelige Hände im Akkordtempo auf- und abtragen, während wir von dem leichten Fahrtwind, den vorbeiziehenden beurwaldeten Karststeinfelsen hinter den Fensterscheiben, dem sanft bebenden Motor und einem sich stetig füllenden, zufriedenen Magen in eine wohlig-beschwingte Entspanntheit versetzt werden.

Nach dem Dessert tritt ein kleiner, ernster Mann in seinen Vierzigern mit chinesischem Einschlag an unserem Tisch, der jedoch jedem Satz ein nickendes Lächeln hinterherstellt, welches sogleich verblasst, da man es erwidern will und stellt sich schließlich als unser Führer für die Reise vor – sein Name sei Kien – und erklärt uns, dass wir, die wir als einzige zwei Nächte in der Halong-Bucht verbrächten, heute das normale Programm mitmachen würden, um morgen für den Tag auf ein kleineres Boot umzusteigen, welches uns in unberührtere Region bringen werde, die sich, gelinde gesagt, hervorragend zum Kayakfahren eigneten. „Tomorrow you’ll go further“, sagt Kien und umreißt mit seinem Finger die östliche Landlinie der Insel Cat Ba.

Bevor wir jedoch zur größten Insel des Halong-Archipels weiterfahren, steht heute schließlich die Besichtigung einer Tropfsteinhöhle auf dem Programm, die in der bloßen Aussprache als Programmpunkt weit weniger spektakulär anklingt als der tatsächliche Anblick, der sich uns bieten soll. An die zweihundert schmale Treppenstufen führen uns einer riesigen Ausfräsung des Hanges einer der Karstinseln entgegen, die von dichtem Urwald teilweise überschattet ist und den Besucher bei Eintritt mit dem Schleier einer feuchten Kühle überzieht, welche durch das meterhohe Gewölbe wabert, von dessen Ende aus sich stets in bizarrem Schnitt die Silhouette des Eingangs mit dem leuchtenden blauen Himmel abzeichnet. Hoch über unseren Köpfen tuscheln die Fledermäuse; ihre Rufe hallen an den bizarren Formationen der Stalaktiten und Stalagmiten wider. Chinesische und lateinische Schriftzeichen an den Wänden gewahren uns indes, dass wir in unserem Besuch einer langen Tradition folgen; schon vor über hundert Jahren, als die Pfade noch nicht betoniert und umzäunt waren, haben Leute hier ihre Namen hinterlassen.

Wer nicht Kayak fahren will, kann sich am späteren Nachmittag durch eine niedrige Grotte in eine kleine, von meterhohen Karststeinfelsen umgebene Bucht rudern lassen. Nachdem wir vier Deutsche unsere Köpfe wieder erheben, blicken wir geradewegs in eine Landschaft, die einer allgemeinen Vorstellung des Paradieses ausgesprochen nahe kommt: In der Tat glitzert und glänzt das Wasser in einem tiefen Türkisblau; rauer Urwald ragt alsbald vor uns auf, aus dem man hie und da ein Huschen und Fleuchen zu vernehmen meint und bis auf die Rufe der Vögel, vom Gestein unwirklich verstärkt, bis auf das gelegentliche Streifen der klaren Essenz, auf der wir gleiten, durch ein Paddel, drückt empfindliche, berückende Stille auf unsere Ohren. – Und doch ist es kein Ding der Verwunderung, dass bald durchdringende deutsche Stimmen die Peinlichkeit dieser reinen, leeren Stille zu Durchdringen suchen: So berichtet man uns auf dem Paddelboot – in die meditative Berückung hinein – von anderen Paradiesen; man sei schon hier und dort gewesen, in Hue, Kambodscha und Laos. Reisen klären auch Vorteile über die eigene Identität auf: Der Weltreisende ist wohl so bescheiden, wie der Deutsche, der das Glück nicht erkennt, wenn es vor ihm steht und es beweint, da es vorbeigezogen ist.

Vor dem Abendessen wird uns gezeigt, wie man aus Obst und Gemüse Dekorationen schnitzen kann. Zwei Küchenjungen schneiden mit gesenkten Köpfen routiniert einen Schwan aus einer Tomate, eine Lotusblüte aus einer Zwiebel und einer Mango, ein Blumengesteck aus Gurken und Möhren und Chilischoten. Kien würfelt nebenbei exotische Früchte, sodass sich die französischen Damen tief über den roten Schwan beugen, dem nun auch Schwanzfedern aus dem Gesäß entsprossen sind, ab und an „Très jolie!“ oder „C’est incroyable!“ ausstoßen und mit verklärtem, unverwandten Blick sich an den ihnen gereichten Ananas- oder Khakistücken gütlich tun. „Mesdames…“, haucht Kien mit sonorer Stimme und wird vom Damenkreis an den Tisch treten gelassen, um den schwarzen Kern einer der leuchtenden Drachenfrüchte mit dem Fingernagel dem Schwan als Auge anzuheften. Des Weiteren sind in die erdunkelnde Bucht klangvolle „Ah!“s und „Oh!“s zu vernehmen.

Das Diner präsentiert sich als ebensolche Performance wie das Mittagessen, nur dass ein weiterer Gang zum Kontratanz hinzutritt; der vietnamesische Wein schmeckt mit jedem Glas besser. Den Abend verbringen wir an Deck und Kien schaltet die Wasserlichter ein, um uns zu zeigen, wie man Tintenfische angelt. So lassen wir eine halbe Stunde lang unsere Angeln durch das schummrige helltürkis erleuchtete Wasser zucken, durch das sich ab und an eine mehr oder minder große Qualle schleppt und bis zur tatsächlichen Dunkelheit erwachsen uns Zweifel an der praktischen Möglichkeit unseres Vorhabens. Egal – über unseren Köpfen funkeln die Sterne und die fahle Mondsichel schiebt sich hinter dem Hügel einer Insel empor, die selbst nur noch die Silhouetten ihrer Bäume gegen den Himmel abzeichnen; der Rest ist Schwärze und Stille und eine angenehme, beinahe erfrischende Wärme. Es erstaunt kaum, denn um in der Nacht den Motor auszuschalten, steuern wir auf ruhigere Gefilde zu, in denen keine anderen Schiffe ankern. „But tomorrow you’ll go further“, raunt Kien uns zu, bevor wir uns in unsere kleine Kajüte zurückziehen und lächelt und nickt.

Tag 2 – Going further

Nach einem frühmorgendlichen Tai-Chi um halb sieben auf dem Deck unserer Dschunke und einem entsprechend frühen Frühstück, empfängt uns heute an Bord eines kleineren Ausflugsbootes eine vierköpfige Crew, sowie ein junger Herr mit einem breiten Grinsen, welches sich nur verflüchtigt, um ebenso breite Wortschwälle zu entlassen. Thuy heißt er, ist fünfundzwanzig Jahre alt und Tourismusstudent aus Hanoi, der sich in seinen Semesterferien in dem überaus angenehmen Feld betätigt, Besucher durch die Halong-Bucht zu führen. Da wir nur zu viert sind, wir und Dixie und Wayne, ein überaus sympathisches australisches Ehepaar aus Queensland, fläzt er sich kurzerhand zu uns auf eines der Korbmöbel und lacht und nimmt sich unsere Unterhaltung zu Herzen. Während Wayne also bemüht ist, Thuy einige Worte aus dem australischen Slang beizubringen und Thuy von seiner Freundin aus Ho-Chi-Minh-City erzählt oder mir stolz den Rücken seines Handys präsentiert, auf welchem ein Apple-Aufkleber prangt, findet ebenjener dennoch Zeit, sich zu einigen studienfachspezifischen Informationen herabzulassen. So steuern wir also auf das Cat Ba-Archipel zu; Teile der Wegstrecke werden wir begleitet von hartnäckigen Damen auf gut sortierten Ruderbooten, welche uns mit verständnisvollem Kopfnicken unseren Appetit auf Erfrischungsgetränke oder Obst einzureden suchen.

Eine Fahrt mit dem Kayak ist wohl das sinnvollste, dessen man sich während eines Aufenthalts in der Halong-Bucht widmen kann. Während man die Paddel durch das grünliche Wasser schiebt oder die durch die Hitze geschwollenen Hände durch ebenjene Kühle wohltuend gleiten lässt, erkundet man Grotten und Buchten von berückender Schönheit, welche eine sperrige Dschunke jedoch niemals hätte passieren können. Durch das Wasser schlängeln sich Fische und Quallen, aus Felshöhlen lösen sich monotone Tropfen und mit etwas Glück lassen sich im dichten Grün der Inseln Eichhörnchen, Affen oder exotische Vögel ausmachen. Wenn man sich, zurück an Bord, schließlich der warmen Schwimmweste unter der prallen Mittagssonne entledigt, hilft ein Sprung in das glasklare Wasser ungemein, die Sinne zu erfrischen.

Nach dem Essen und der Mittagsruhe steuern wir eine Perlenfarm an, die auf schwimmenden Stegen und Häusern mitten auf dem Wasser ruht. Die Muscheln werden hier gezüchtet und behandelt; an langen Holzlatten hängend ragen sie reihenweise zwischen Seenadeln und Algen in Körben oder Netzen ins Wasser hinein. Während Thuy mit den jungen Arbeiterinnen flirtet, wird uns gezeigt, wie die Muscheln sortiert und wie die Grundstoffe für die Perlen implantiert werden. Indem man eine Muschel tötet und in kleinere Stücke schneidet, können diese jeweils den anderen Muscheln in akribischer Kleinstarbeit und mit Scheren und Pinzetten eingepflanzt werden. Da es sich um Fremdkörper handelt, bildet die Muschel eine Schutzschicht um sie, die als Perle später aus der Muschel geschnitten werden kann. Es bleibt nicht aus, dass wir am Ende des Besuchs wiederum zum Kauf gebeten werden.

Am späten Nachmittag schon kehren wir auf unser altes Boot zurück, müssen jedoch feststellen, dass Kien durch einen anderen Führer ausgetauscht wurde und eine Reisegruppe sonnenverbrannter junger Belgier schaut uns irritiert aus dem Wasser entgegen. Letztere staunt nicht schlecht über das Früchteschnitzen am Abend und ersterer, da wir unter scherzhaftem Flunkern erzählen, am vorigen Abend einen Tintenfisch am Haken gehabt zu haben. Der nächste Morgen beginnt mit Tai-Chi und endet mit dem Baden an einem Strand aus Weiß und Türkis. – Es gibt misslichere Kreisläufe.

Alle Fotos in diesem Reisebericht stammen von meiner Mutter, Marion Platten-Levermann. Wer Interesse an weiteren Bildern aus Vietnam oder anderen Gegenden dieser Welt hat, der besuche ihre Seite: www.marion-platten.de