Über die AutorinAktuellesGood on ya, Lisa!RichterReiseberichteRezensionenLinks

Die Parfüm-Pagode



Am Ende sitzen wir alle in einem Boot: Die drei jungen Spanier, die schweigsam nebeneinander stehen, um uns Glauben zu machen sie sprächen kein Englisch – oder seien ohnehin allesamt stumm. Die äußerst gesprächige alleinreisende Deutsche, die sich uns sogleich anschließt. Der solidarische Inder, der stets für unsere Rechte als Weithergereiste einsteht. Der junge Mann aus Ho-Chi-Minh-Stadt mit seinem Vater, der des Englischen nicht mächtig ist, und von seinem stolzen und aufgeregten Sohn ohnehin gedolmetscht wird. Die zwei schmächtigen, blassen Männer, ein Pärchen aus Irland, das alles mit einer Art von amüsierter Erhabenheit beobachtet. Schließlich unser Führer, Thuy heißt er, ein junger Herr mit einem breiten Grinsen, welches sich nur verflüchtigt, um ebenso breite Wortschwälle zu entlassen. Er ist Tourismusstudent aus Hanoi, der sich in seinen Semesterferien in dem überaus angenehmen Feld betätigt, Besucher zur sagenumwobenen Parfümpagode zu begleiten. Während unsere deutsche Freundin also bemüht ist, Thuy einige Worte ihrer Sprache beizubringen und Thuy von seiner Freundin aus Ho-Chi-Minh-City erzählt oder mir stolz den Rücken seines Handys präsentiert, auf welchem ein Apple-Aufkleber prangt, findet ebenjener dennoch Zeit, sich zu einigen studienfachspezifischen Informationen herabzulassen. Auf diese Weise schlagen wir den einzig möglichen Weg zu diesem Pilgerziel ein – den Wasserweg: Am Ende sitzen wir in einem Boot, von einem armseligen Männlein mit zwei Paddeln an den Füßen vorangedrückt, das sich, noch im ruhigeren Gewässer des Ufers, gerade einmal fünf Zentimeter vom klar glänzenden Spiegel des Wasser erhebt. Teile der Wegstrecke werden wir begleitet von hartnäckigen Damen auf gut sortierten Ruderbooten, welche uns mit verständnisvollem Kopfnicken unseren Appetit auf Erfrischungsgetränke oder Obst einzureden suchen. Sie lassen sich unsere Namen wiederholen und notieren sie in Ringbüchern, die man sonst nur von Reportern kennt, so als schafften sie damit Blankoformulare für spätere Kaufverträge. Der Regen setzt ein; vietnamesische Partien mit bunten Regencapes auf Motorbooten ziehen an uns vorbei. Wir indes werden mit langsamen Ruderzügen durch eine stille, triste, zaubrische Landschaft – so scheint es – fernab von aller Zeit gelenkt. In den Feldern stehen die alten, verwitternden Grabsteine einstmaliger Bauern. Als wir ankommen, haben sich die Wolken verzogen und wir bahnen uns den langen Weg den Hügel hinauf, der von bunten Gebetsfahnen, seit der Hochsaison teilweise verlassenen, teilweise mit einzelnen Händlern von Zimt, Tabak und Ingwer und Affen in Käfigen besetzten Verkaufsständen, sowie dem unverkennbaren Aroma der vom Regen durchweichten Erde und dem transpirierenden Urwald gesäumt wird. Die Parfüm-Pagode selbst ist nichts als eine gähnende Grotte im Urwald, ein tief in eine riesige Höhle gebetteter Altar mit drei Buddhas, hinter leuchtenden, sich drehenden Scheinen, die beinahe psychedelisch anmuten. Durch die Luft schleicht der Geruch des vom Regen erfeuchteten Gesteins und der holzige Duft der Räucherstäbchen und das geheimnisvolle Tuscheln der Fledermäuse treibt mir Schauer durch den Körper.