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Der Rabe im Lotusteich (Vietnam)



Es ist wie ein Traum: Ein Tempel, fernab der Straße, im Wald, im Fels. Seine verwitterten Wände – und niemand zu sehen, niemand zu hören, der sich um sie kümmern würde. Nur hier trägt sich und irrt eine bucklige, alte Frau durch seine schmalen Wege und bettelt den seltenen Besucher wie die letzte Bewohnerin einer Geisterstadt um seine Almosen. Hinter Bananenstauden in einem verwunschenen Gärtchen erklingen krächzende Schreie. Ein kleiner Junge hockt dort an einem tiefschwarzen Teich mit leuchtenden Lotusblüten und taucht einen eisernen Käfig in den unergründlichen Spiegel, in welchem ersteren ein Rabenvogel sitzt und menschliche Schreie ausstößt. Junge, was unternimmst du mit diesem armseligen Tier an einem heiligen Ort des Buddhismus? Wie kannst du gerade hier deinen quälerischen Trieben nachgehen, dämonisches Kind? Doch, nachdem er das ein oder andere Mal den Käfig noch mit dem Wasser vereint hat, erhebt er sich und läuft an uns vorbei, ohne aufzublicken und ohne dass er uns bemerkt zu haben scheint. Der Käfig – beinahe so groß wie er – schaukelt in seiner linken Hand; der Vogel schreit und krächzt. – Er hat ihn gebadet.