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Auf der Spur des kirgisischen Urlaubsgefühls



Der Mensch ist ein Ufertier. Das indizieren nicht nur aktuelle wissenschaftliche Stimmen, sondern auch außerhalb der Evolutionsbiologie schlicht genommen die Tatsache, dass sich jedes Jahr zur Ferienzeit Millionen von Menschen an den Stränden dieser Welt tummeln. Wo allerdings verbringt ein Volk seinen Urlaub, dessen Staatsgebiet – angesiedelt zwischen China, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan – vorwiegend von Steppe und Massiven geprägt ist? Die Antwort ist so simpel wie kurios: Das zentralasiatische Ibiza liegt an einem Hochgebirgssee.

Wohlgemerkt: Bei dem mehr als 1.600 m über dem Meeresspiegel liegenden Issyk-kul im Nordosten Kirgistans handelt es sich nach dem Titicacasee in Peru und Bolivien um den zweitgrößten Gebirgssee der Erde und so gesehen ergibt der Vergleich mit einer Baleareninsel näher betrachtet durchaus Sinn. Da der See sich über 180 km in die Länge und an die 60 km in die Breite erstreckt, sind am Horizont allein sanfte blaue Wellen zu erblicken, das Wasser ist tiefblau und salzig und wüsste man nicht, dass man sich in der Mitte des asiatischen Kontinents umgeben von Dreitausendern befindet, so könnte man sich beinahe am Meer glauben.

Das Panorama wirkt indes wie eine bizarre Fotomontage aus Baleareninsel und Alpen: Auf dem perfekten Sandstrand spannen sich bunte Parasole, darüber ein wolkenfreier Himmel, der es der Sonne erlaubt, die Luft auf über dreißig Grad zu erhitzen und darunter tiefenentspannte, braungebrannte Russen aus Kirgis-, Usbekis- und Tadschikistan in knapp beschnittener Badebekleidung, während sich hinter dem Horizont die schneebedeckten Gipfel des Tianshan, einem Hochgebirge, dessen höchste Gipfel bis an die 7500 Meter reichen, verheißungsvoll abzeichnen.


Unseren Weg zum Issyk-kul bahnen wir uns aus dem ca. 200 km entfernten Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans, über unwegsame Straßen in einem Kleinbus, aus dessen Radio internationale Popmusik dröhnt. Hinter den Scheiben breitet sich unaufhörlich die eindrucksvolle Landschaft der kirgisischen Steppe aus; über den ergrauten Himmel schieben sich träge architektonisch bizarre Wolkenformationen. Kein Busch, kein Strauch ist hier in Sicht. Wer sich auf der mehrstündigen Fahrt erleichtern will, dem bieten sich in den staubigen Boden betonierte Flächen unter freiem Himmel, die nur durch eine Wand von der Straße abschirmen, einen bestialischen Geruch verbreiten und an sich allzu absurd sind; in weiter Ferne versucht man währenddessen den ersten Schnee auf den Gipfeln zu erspähen.

Als wir in unseren Ferienort einfahren, erwachen in uns Assoziationen an eine Kleingartensiedlung: Auf etwa zwei Kilometer Länge breiten sich an einer Straße, die in schnurgerader Linie zum Strand führt, Hotels, Pensionen, Restaurants mit Plastikstühlen, Imbissstände mit russischen Piroschki und Schaschlik, Stände mit Sonnenbrillen, Hüten, Kitsch, buntem Schmuck und Büdchen mit Presse, Grünzeug und Getränken aus; alle einen Stock hoch, weiß gestrichen, mit Wellblechdach und bunt gestreiften Markisen bedeckt. Zwischendrin sitzen alte Damen mit Kopftuch und geblümtem Kleid im Mustermix auf einem Höckerchen und verkaufen von auf dem sandigen Asphalt ausgebreiteten Decken in der flimmernden Sommerhitze selbst gestrickte Wollsocken - hier lebt es sich draußen. Am Abend flanieren hier schnieke gekleidete Jugendliche auf dem Weg zur Großraumdisko im weißen Zelt, deren Bässe und Lichter bis zum dunklen, sternenüberdeckten Strand dringen.


Auch unsere Ferienpension, bestehend aus einer Reihe einstöckiger weißer sich gegenüberstehender Reihenhäuschen mit gemeinsam nutzbarem Innenhof, erinnert ein wenig an Frances Hodgson Burnetts geheimen Garten – wären da nicht die Kinderurlaubsfreundschaften des Jungens in Badehose und Superheldenumhang und des zwei Köpfe größeren, barfüßigen Mädchens im pinken Sommerkleid, das seine Bekanntschaft an der Hand wild lachend durch die zwischen Apfelbäumen aufgespannte Wäsche – geblümte Decken, Hosen, Röcke, Socken, Bade- und Unterbekleidung – ihrer Eltern zieht. Die Türen unserer Nachbarn stehen Reih an Reih geöffnet und auf Betten im dunklen, schattigen Inneren kann man entkräftete Erwachsene beim Ausruhen erspähen.

Der Grund für diese allgemeine Erschöpfung wird schnell offenbar, wenn man gegen Mittag, zur Hochzeit des Sonnenstichs, den vor Hitze flirrenden Sand betritt. Da hier die Strahlen der Sonne doppelte Verstärkung erfahren – durch die Reflexionen von Sand und Wasser sowie die gesteigerte UV-Intensität der Höhenlage – sieht man nicht wenige Urlauber ihre krebsroten Hautstellen auf einem Liegetuch pflegen. Dabei kann man dem örtlichen Tourismuszweig nicht vorwerfen, er setze sich nicht für die Erfrischung und Zerstreuung seiner Zielgruppe ein, denn wer mit ein paar Som, der kirgisischen Währung, anreist, braucht Langeweile und Überhitzung wahrlich nicht zu erdulden. Die sanfte Brandung am Ufer schwappt gegen eine Armada nummerierter und bunt gestrichener Tretboote, man kann Windsurfbretter und Jetskis leihen, auf einem Schiff nach Karakol oder Cholpon-ata übersetzen, Bananenboot fahren oder sich beim Parasailing an einem Fallschirm hinter einem Motorboot herziehen lassen. Derweil sind kurz vor den Dünen Eisverkäufer in reger Beschäftigung, ihre kalte Ware aus Truhen unter die Leute zu bringen und Fischverkäufer riecht man noch aus mehreren Metern Entfernung bevor sie mit Wollsocken vor dem glühend heißen Sand geschützt – plötzlich ergeben die Sommerstrickerinnen einen Sinn – sich dem eigenen Strandtuch nähern, um – zugegebenermaßen – bei der Hitze etwas gewöhnungsbedürftigen ansässigen Räucherfisch zu verhökern. Durch die Menge hindurch streift ein Junge mit zwei Kamelen an der Leine, die – natürlich gegen Bezahlung – sich gerne mit einer glücklich winkenden Familie auf dem hügeligen Rücken ablichten lassen.


Wer der Badewelt für einen Tag entfliehen möchte, dem bieten sich selbstverständlich die Vorboten des Tienshan für einen Ausflug in die wilde Bergwelt Kirgistans. Mit der Vorstellung frischer Luft, zarter Gebirgsblumen, reißender Flüsse, Jurten und Tubeteikas im Kopf nimmt man im Bus eines lokalen Ausflugsbetriebes Platz. Zur Belustigung der Gäste muss jede Nation ein charakteristisches Lied zum Besten geben – als wir aus Verlegenheit „Weißt du, wie viel’ Sternlein’ stehen...“ anstimmen, ernten wir viel Beifall ob dieser exotischen Weise. Am Zielort ist man tatsächlich bestens auf uns vorbereitet: Männer mit traditioneller Kopfbedeckung tragen Greifvögel auf den behandschuhten Armen, an den Bäumen hängen Wunschbänder, es wird köstlichster Berghonig verkauft, von der durchdringend goldenen Farbe und Konsistenz flüssigen Bernsteins inklusive zahlreicher Einschlüsse seiner Produzenten, die es nicht mehr rechtzeitig geschafft haben, in einer Jurte bereitet eine Kirgisin frische Bachforellen zu und junge Reiter wirbeln mit ihren Pferden, Eseln und Maultieren ordentlich Staub auf. Dass sie hier tatsächlich leben, ist unwahrscheinlich. Wenn man aber ein Stückchen weiter geht, dorthin, wo die Touristin in Stöckelschuhen, die auf der Busfahrt neben uns saß, auch auf dem Rücken eines armen Esels nicht gelangen wird, so findet man sie doch noch: die authentische Bergwelt Kirgistans zwischen insektendurchdrungener Stille, fliederfarbenen Blüten, die am Rande wilder Gebirgsbäche wachsen und aus dem Fels und saftigen Wiesen hevorsprießende Fichten. Hier wird der Tien Shan abseits der einheimischen Touristenströme seinem Namen gerecht – dem „himmlischen Gebirge“.

Alle Bilder auf dieser Seite von Marion Platten-Levermann: www.marion-platten.de