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Das Männlein (Vietnam)



Wenn das Männlein in die Hocke geht, wie die Vietnamesen es zur Verwirrung unserer europäischen Sehnenstruktur zu tun pflegen, so reicht es uns gerade einmal bis zu den Knien. Wir sitzen auf einer Parkbank und da hockt es also vor uns und erzählt unverwandt in den Zungenlauten der vietnamesischen Sprache, die für uns keinen Sinn ergeben, ohne dass es allerdings eine Antwort zu erwarten scheint. Mit seinen knochigen Händen, mit aneinandergelegten Stöcken aus dem Gebüsch und Formen aus braunen Erdhaufen gibt er uns Symbole auf und wir erzählen in derselben Sprache von unseren Tagen. Es lacht, indem die eingesunkenen dunklen Augen in ihren Höhlen glänzen und möchte, dass meine Mutter ein Foto von ihm schießt – dabei bietet es einen gar unglückseligen Anblick: Die ausgefransten Haare fallen ihm traurig in das ausgemergelte Gesicht, hinter den eingefallenen Wangen verbergen sich schlechte Zähne und das offene, schmutzige Hemd legt die Rippen seiner dürren Brust frei. Was ist das für ein Gespräch zweier Welten, das wir führen! Schließlich entnimmt das Männlein seiner Brusttasche einen Geldschein – fünfzigtausend Dong. Möchtest du uns – stolz oder traurig – dein Vermögen offenbaren? – Nein, wie könnte es anders sein, natürlich möchtest du, dass wir dir einen eben solchen präsentieren!