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Zwischen Frische, Kitsch und Seidenstraße


Wenn die Babuschka meiner Freundin die Hallen des Osch-Basars in Kirgistans Hauptstadt Bischkek betritt, ist klar, dass sie den gewünschten Preis erzielen wird. In einem Land, in dem Alte keine finanzielle Unterstützung erhalten, bleiben diese zwangsläufig durchsetzungsfähig und rüstig. Die Mittsiebzigerin, eine würdevolle kleine alte Dame mit slawischen Gesichtszügen – hohen Wangenknochen und einer asiatischen Nase – und feuerrot gefärbtem, zurückgestecktem Haar, in einem blauen, knöpfbaren Kleid mit weißem Blumenmuster und schwarzen Sandalen, bleibt für einen Augenblick stehen, streicht ihre Kleider glatt, während ihre leuchtend blauen Augen über die ausgebreitete Ware und die vorbeischwirrenden Händler und Kaufleute eines der größten Basare des Landes zucken.

Die Halle, die wir nun betreten haben allein ist riesig; unter einer Dachkonstruktion, die Menschen und Ware vor der glühenden Augustsonne schützen soll, spannen sich an die hundert weiße Planen, von denen Glühbirnen herabhängen und unter denen kirgisische Frauen – ältere mit Kopftüchern und junge Mädchen mit glitzerndem Nagellack – ihr unfassbares Sortiment feilbieten. Hier stapeln sich säuberlich sortiert Berge von Obst aller erdenklicher Sorten; kleinere Portionen werden in bunten Eimern oder aufgeschnittenen Plastikflaschen verkauft, sodass vieles so herzhaft und köstlich wie selbst angebaut und geerntet anmutet. – Ist es auch. Mit dieser und den anderen Hallen, von denen sich hier im zweistelligen Bereich noch einige gleich einem Labyrinth aneinanderreihen und die dem ortsunkundigen Besucher einige Stunden der Verwirrung und Orientierungslosigkeit zu bereiten imstande sind, ist unsere Führerin nur allzu vertraut. Für gewöhnlich ist sie selbst hier und versucht für einen kleinen Unterhalt Schalen mit ihren Himbeeren unter die Leute zu bringen, von einem solch vorzüglichen Geschmack, der dem europäischen Gaumen in Zeiten des Imports, der Unreifernte und der Missachtung jeglicher Saison ein Erstaunen ins Gesicht zu zaubern vermag. Die roten Früchte sind von ihr, mit Schürze und Handschuhen gegen die Dornen gerüstet, selbst gezogen und geerntet in einem kleinen verwunschenen Garten hinter dem blau und weiß getünchten Häuschen, das eigens von ihrem Mann erbaut wurde.


Schließlich stürzen wir uns in das bunte Gemenge und werden von unserer Führerin mit bestimmtem Schritt durch das stickige Wirrwarr der Gänge, Menschen, Laute und Gerüche gelotst. An einem Stand begutachten zwei weißhaarige Männer ohne Zähne wagenradgroße Wassermelonen, welche erstere man weniger fragen möchte, wie sie jene zu verspeisen, denn wie sie sie nach Hause zu transportieren gedenken. Doch Kirgistans Alte sind von Natur aus stark. Wahrscheinlich wollen sie das Obst für ihre Familien mitnehmen. In einem Land, in dem im Sommer die Temperaturen auf bis zu 45 Grad Celsius ansteigen können, spricht man keine Einladungen zum Kaffee aus; wenn sich Besuch ankündigt, wird eine einheimische Melone geschlachtet, die in der Hitze erfrischt und nicht nur die Kinder mit ihrem süßen Saft beglückt. Am späten Nachmittag, wenn die Sonne sich senkt und an Leuchtkraft verliert, kurz bevor der Muezzin der nahegelegenen Moschee die Gärten mit seinen Rufen zum Gebet durchdringt, sieht man regelmäßig Männer und Frauen ihre schwer beladenen Pferde- oder Eselkarren durch die unebenen Straßen lenken und mit „Arbuzy! Arbuzy!“-Rufen zum Kauf der Wassermelonen beschwören.


Viel Zeit zum Schauen bleibt uns nicht. Nachdem die alte Dame mit einem Gemüsehändler und unter großem Aufstand, letztlich jedoch erfolgreich, um seine Ware gefeilscht hat, werden wir in die nächste Halle geschoben, in der sich vor den Händlern in Säcken, Kisten, Schalen und Gläsern die verschiedensten Gewürze, Kuchen, Gebäcke und Getreidearten – Reis, Linsen, Hirse, Haferflocken – türmen, alle in Kursivkyrillisch beschriftet, für deren Entzifferung mein bescheidenes Russisch nicht annähernd ausreicht. Fremde Düfte steigen an unsere Nasen und ein bisschen fühlen wir uns in die Blütezeit der alten Seidenstraße versetzt – wären da nicht die jungen Kirgisinnen in glitzerbeschrifteten T-Shirts, die hinter ihren Ständen kaugummikauend SMSs in ihr Handy tippen. Weiter hinten stehen Bonbonverkäufer hinter ihrer glitzernden Auslage.


Von einer Halle irgendwo hinter Käse, Trockenobst, Naschwerk, Eingemachtem, Essigsalaten und russisch-kitschigen Blumengestecken geht ein bestialischer Gestank aus. Wir halten uns die Nase zu, während wir im Vorbeihuschen in die leeren Augenhöhlen des aufgeschnittenen Räucherfischs schauen und bleiche Tierköpfe mit einem zögernden Kopfnicken grüßen. Hier, zwischen Grillhähnchen, Wurst und rohem Fleisch arbeiten die kirgisischen Männer im Schweiße ihres Angesichts. Endlich bleibt unsere Führerin am Zielstand unseres Einkaufsbummels stehen, an dem ein Herr mit grauen Bartstoppeln und Tubeteika auf dem Kopf im verschwitzen, leicht blutbeschmierten Hemd an langen Haken aufgespießte Fleischstränge verkauft. An diesem Abend möchte sie schließlich Plov kochen, ein köstliches, sehr typisches zentralasiatisches Eintopfgericht bestehend aus Reis, Möhren, Zwiebeln, Knoblauch und – variierendem fettem Fleisch. Auf Geheiß der Babuschka meiner Freundin und unter prüfendem Blick derselben nimmt der Herr mit bloßer Hand ein Stück der leuchtend roten von weiß durchzogenen Muskelfaser aus der Menge von ihrem Haken und breitet sie auf seinen Handflächen vor der Fachkundigen aus, indem er mit einem freien Daumen den Widerstand des Fleisches demonstriert und auf eindringendem Russisch wohl die Qualität desjenigen anpreist. Seine Gesprächspartnerin scheint dem keine Beachtung zu schenken, fordert noch einige weitere Stränge zur Vorführung, verwickelt sich mit dem Mann in eine Diskussion und kauft schließlich ein Stück Fleisch an dem gegenüberliegenden Stand eines Chinesen mit blauer Käppi. „Zu viele Sehnen, zu hoher Preis“, lässt sie uns beim Verlassen des Marktes wissen. Wer in einem kirgisischen Basar sich nicht übers Ohr hauen lassen möchte, braucht ein gehöriges Stück Erfahrung.


Nur einige Busstationen entfernt befindet sich der berühmte Dordoy-Basar. Dieses ungehörig große Stück Marktfläche von mehreren Kilometern Ausmaß bietet Waren jeder Art – vor allem Kleidung, Möbel Haushalts- und Elektrobedarf – und kann ohne weiteres mit Bangkoks Chatuchak-Wochenendmarkt mithalten. Die Verkaufsfläche ist beinahe unüberschaubar – wer hier nicht findet, was er sucht, wird dies wohl allein aus Orientierungslosigkeit nicht tun. Unter einem gemeinsamen Dach türmen sich zwei Geschosse aus bunt gestrichenen Containern auf. Während die Türen des ersteren weit aufgerissen stehen und im Container aufgestellte Kleiderstangen bis in den ohnehin beengten Flur und in die Höhe verlängern, dient der obere Container nicht als Verkaufs- sondern als Lagerraum und ist durch ein schmales Gerüst und eine Metalltreppe mit dem unteren Stockwerk verbunden. Die Verkaufsräume scheinen zu bersten mit Waren – Modellpuppen mit Spitzenunterwäsche, Hosen, Röcke, Kleider, Socken und Tücher – vornehmlich aus China importiert, für Kunden in Bischkek, aber auch zum Sekundärexport nach Kasachstan und Usbekistan bestimmt und unweigerlich billig. Warum junge Kirgisinnen zum Shoppen nicht die teuren, leicht in die Jahre gekommenen Kaufhäuser im sozialistischen Stil aufsuchen, wird hier nicht einmal zur Frage. Zehntausende verkaufen hier ihre Ware, hunderttausende schlängeln sich durch die Gänge – darunter wir. Auf dem Weg von einer Ecke des Basars in die andere, der unsere Sinne ohnehin schon überfordert, müssen wir zudem achtgeben, dass junge Männer mit voll beladenen Schubkarren uns nicht mit ebenjenen in die Hacken fahren. Auch auf dem Dordoy ist Zeit Geld und zwischen seinen Teilmärkten besteht außer diesen schmalen Gängen keine Straßenverbindung; eine Warnung ertönt nur noch durch halbherzige Rufe und wie überall auf der Welt muss der schwächere Obacht geben. Am Ende kaufe ich einen blauen Rock aus elastischem Material – von unbekannter Herkunft und Fabrikation. Anprobiert habe ich ihn hinter einer spartanischen, spanischen Wand mitten auf dem Aufstieg einer Treppe. Von den europäischen Gewohnheiten kann man eben doch nicht immer ablassen.


Als wir auf dem Weg aus der Halle heraus vor Eindrücken und Hitze dehydriert sind und unseren brummenden Kopf reiben, erscheint eine Verkäuferin mit bunt gemusterten Thermoskannen auf einem Rollwägelchen wie gerufen. Doch wir werden informiert: Dieser Tee ist natürlich warm! Stattdessen werden wir mit einem Becher Djusches (oder: Duchesse) versorgt, ein unerhört süßes russisches Sodagetränk mit einer grinsenden Birne auf dem Etikett. Wir sind verschwitzt, erschöpft und zweifellos puterrot – fast möchten wir glauben, sie meine uns.

Alle Bilder auf dieser Seite von Marion Platten-Levermann: www.marion-platten.de